Die Stunde der Lobbyisten
Noch mehr Kompetenz
Schild's Wochenkolumne
Alle paar Tage zieht CDU-Merkel ein neues Kaninchen aus ihrem Wahlkampf-Hut, kann sie sich doch wohlwollender Anteilnahme bei Presse, Funk und Fernsehen sicher sein. Nach der Präsentation eines Kompetenzteams mit Verdächtigen und im CDU-Kohl-Spendensumpf strampelnden Spezialisten wie Schäuble, fühlt man sich zu weiteren Vorschlägen provoziert.
Vielleicht sollte Merkel Schriftsteller Grass als UnSinnstifter aufnehmen. Wer allen Ernstes den ersten Kanzler nach 1945, unter dessen Ägide Deutschland wieder Bomben auf Belgrad und zudem Afghanistan gerechtfertigt hat, wer diesen Kanzler Schröder für den Friedensnobelpreis vorschlägt, leidet an Realitätsverlust. Oder ist – wie Philip Roth den Schrecken für Schriftsteller skizzierte – auf dem Weg, sein Kurzzeitgedächtnis zu verlieren. Das hilft der CDU, so wurde ja Kohl auch wieder ein Spitzen-Sitzplatz beim Parteitag zugewiesen. Zurück zur Kompetenz. Für Kampf, Grell und Körperertüchtigung hätte ich dann noch Oliver Kahn. Dessen Verhältnis zu Ausländern dürfte wohl bekannt sein. Und Merkel hätte die zweifelnden CSU-Herzen im Sturm zurückerobert. Man könnte auch noch Holger Pfahls ins Schattenkabinett holen, dessen Regierungserfahrung und Vorteilsnehmer-Qualitäten ihn zu einem idealen Lobbyisten befähigen.
Um die industrielle Lobby, und um die geht’s vorrangig, trotz aller Mittelstandsbekenntnisse, darf sich jetzt Heinrich von Pierer kümmern, er soll die deutsche Wirtschaft hypen. Das wird wieder was, legte sich doch der langjährige Chef des Gemischtwarenladens Siemens, ein Konzern dessen Hauptsparte Umstrukturierungen sind, so mit den Gewerkschaften an, dass diese von Erpressung sprachen. Da ist uns der Friede gewiss. Im Übrigen stelle man sich vor, wie von Pierer VW lehrt, wie innovativ es ist, mit dem ersten Hybrid-Autor Jahre nach den Japanern zu kommen und im Gegensatz zu den Konkurrenten einen Rußpartikelfilter gegen Aufpreis einzubauen. Oder erklärt er dem scheidenden Mercedes-Chef Schrempp, dass sich Daimler an maroden Unternehmen wie Chrysler überfressen hat? Oder weshalb die Deutsche Bank die Daimler-Chysler-Aktien abgestoßen hat? Eher nicht. Wahrscheinlich geht’s wieder gegen die kleinen Leute.
Jürgen Schild