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Der Brudermörder als Systemkritiker
Kain
Roman von José Saramago


Ein köstliches Vermächtnis des letztes Jahr verstorbenen Nobelpreisträgers Saramago. Der bekennende und (wie wir mit Vergnügen lesen) praktizierende Atheist schreibt das Alte Testament um, und zwar aus Perspektive des aufrührerischen Brudermörders Kain, der sich im Gegensatz zum Herrn ein Verständnis für Logik und Sinn bewahrt hat.  Mit Phantasie, Ironie und einem Schuss Boshaftigkeit führt der portugiesiche Romancier die göttliche Allmacht ad absurdum.

 

„Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihrer Uneinigkeit mit Gott, weder versteht er uns, noch verstehen wir ihn.“, schreibt Saramago und liefert damit die Konzeption für seinen herrlich grotesken Roman. Kain wandelt quasi als Systemkritiker durch die Welt, wie Gott sie geschaffen hat.  Er wirft Gott vor, durch die permanente Ignoranz seines Opfers, eine Mitschuld am Tod Abels zu besitzen und Gott („Deine Rede ist aufrührerisch“) schließt mit Kain ein Bündnis: „Aber sag es nicht weiter...Ich werde Dir ein Zeichen auf die Stirn drücken, niemand wird Dir etwas zuleide tun...“  Kain zieht durch das Land Nod und wird Lehmstampfer in einer Stadt, deren Herr Noah ist, dessen Frau Lilith

Lilith, die heilige Herrin oder auch Ba'alat  ist die sumerisch-babylonische Göttin Belili, die die Hebräer in ihre Mythologie integrierten. In Ur  hieß sie Lillake. Übrigens auch eine Aufrührerin, die  Gottes Befehl missachtete, und sich mit Dämonen paarte. Bis ins Mittelalter stellten die Juden Amulette her, um sich vor ihren Nachfolgern, den Lilim, die Männer seit Jahrtausenden verfolgten, zu schützen. Wahrscheinlich gab es auch eine Assoziation zur etruskischen Göttin Leinth, die am Tor der Unterwelt die Seelen der Toten empfing. Allerdings ohne Gesicht. Der Surrealist HR Giger hat ihr in seinem schaurig-faszinierenden Bild dennoch eins verliehen - und es ist ihm prächtig gelungen.

jedoch regiert und sich prompt Kain als „Deckbulle“ nimmt.  Der Aufseher, der ihn eingestellt hatte, hatte ihn dringend vor Lilith gewarnt, doch entdeckt Kain seine Sexualität und scheint dank seiner Leistungskraft vor dem üblichen  Schicksal der Liebhaber Liliths gefeit zu sein.  Bis urplötzlich Noahs Eifersucht erweckt wird. Als ein Scherge ihn töten soll im Verbund mit Noahs Agent und einigen Kumpanen, begegnet Kain ihm mit göttlichen Kräften, indem er aus dem Schwert eine Schlange macht. „Weinend, mit gesenktem Kopf, ging der Mann davon, raufte sich die Haare, bereute tausendfach, den Beruf des Wegelagerers in der Variante Wegelagerer gewählt zu haben.“

 

Nachdem er der von ihm schwangeren Lilith entkommen ist, trifft er auf einen weiteren Beweis Gottes unnachahmlicher Güte und Barmherzigkeit. Abraham will seinen Sohn auf Geheiß des Allmächtigen opfern. Da kommt Kain daher, fällt ihm buchstäblich in den Arm und behauptet, ein Rettungsengel zu sein.  Der vorgesehene Engel kam zu spät, weil ihn ein mechanischer Schaden an seinem rechten Flügel hinderte. „Besser spät als gar nicht“, antwortete der Engel selbstherrlich. „Da irrst Du, gar nicht ist nicht das Gegenteil von spät, das Gegenteil von spät ist zu spät.“, erwiderte Kain. Der Engel brummelt: „Wieder so ein Kopfmensch...“ „Gott war einfach nicht zu trauen.“, erkennt Kain und versteht nicht, „wieso  alle Völker der Erde gesegnet sein sollen, nur weil Abraham einen idiotischen Befehl befolgt hat.“ So gesegnet aber doch nicht, dass dies Sodom und Gomorrha vor Zerstörung bewahrt hätte. Die schicke Aufgabe für Lots Töchter tut ein Übriges.

Mitreißend auch der Dialog zwischen Gott und Noah, von Kain befeuert, als es um den Sinn des Arche-Baus geht. Die beiden argumentieren einfach logischer als Gott. „Die Stirn in Falten gelegt, damit er besser nachdenken konnte, drehte und wendete der Herr das Thema einige Male hin und her, bis er zu dem selben Schluss kam.“

Die wörtliche Rede ist nie durch Anführungen kenntlich gemacht, sondern lediglich  durch Großschreibung beim Sprecherwechsel. Dies ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Dieses feine Buch ist nicht nur für Atheisten, Kritiker und notorisch Misstrauische ein Leckerbissen. Auch Gläubige werden ihre wahre Freude haben.

José Saramago: "Kain", Hoffmann und Campe, geb., 176 Seiten, 19,99 €

Jürgen Schild

 



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