Bereits in seinen früheren Romanen
Die Übersetzung und
Die Fakultät ist es dem argentinischen Autor gelungen, durch eine mysteriöse Akzentuierung Spannung zu erzeugen. Auch im vorliegenden Roman mischt er Fakten und Fiktion zu einem brisanten Geschichtsroman. Dabei bedient er sich eines ebenso gewöhnlichen wie Erfolg versprechenden Rezepts. Man nehme einen berühmten Mann der Weltgeschichte, dessen Name schon eine eigene Anziehungskraft garantiert. Der Aufklärer Voltaire liefert als Mitinitiator der Revolution und kritischer Zeitgenosse ein prächtiges Identifikationsangebot.
Die Parabel, die der Aufklärer verbreitet , um die düsteren Machenschaften des Klerus zu entlarven, ist meisterlich komponiert. Protagonist ist sein Kalligraph Dalessius auf Schloss Verney, der den Auftrag erhält, den Aufsehen erregenden Schauprozess gegen Jean Calas in Toulouse zu verfolgen. Jahre später erreichte Voltaire die Rehabilitierung des Hingerichteten. Dalessius’ Onkel, ein Marshall, hat aus dem traditionellen Familienunternehmen zur Rückführung von Gefallenen mit selbst produzierten Orden in Friedenszeiten einen florierenden nächtlichen Totentransport gemacht, indem er die These eines Theologen verbreitete, Tote nicht allzu weit von ihrem Geburtsort zu begraben, um ihre Seligkeit zu sichern. Mit einem solchen Transport reist der junge Dalessius nach Toulouse und verliebt sich in eine Tote, die später munter genug ist, um ein Fenster zu schließen. Als er sie später küsst, umarmt er einen Automaten.
Die weißen Büßer, der fanatischste Zweig der Dominikaner, scheinen einen Automaten als den lange verstorbenen Bischof zu präsentieren, um ihre Macht zu festigen. Die Welt der Drucker und Kalligraphen bildet einen faszinierenden Hintergrund der Pariser Kulisse.
Eine Menge skurriler Begebenheiten sichert den Lesegenuss. Da werden beschriebene Frauen als Kuriere benutzt. De Santis antizipiert digitale Rechner anhand der Automaten, die auch schon Poe faszinierten. Dalessius freundet sich mit dem Henker Kolm an, der später den Auftrag erhält, eine sichere Tötungsmaschine zu empfehlen, die jedermann diesen Job ermöglicht.
Der Roman ist ein Kleinod, eine raffinierte Verbindung von Geschichten, die den Geist der Vorrevolutionszeit auf spielerische Weise reflektieren.
Pablo De Santis: „Voltaires Kalligraph“, Unionsverlag, 186 Seiten, 8.90 Euro
Jürgen Schild