Houellbecq ist immer ein Vergnügen. In erster Linie spiegelt er Gesellschaft und Zeit. Aktuelle Strömungen seziert er unnachgiebig. Sein neuestes Werk hat jedoch nicht den kritischen Biss, der ihm einst albernerweise das Prädikat „Skandalautor“ verlieh. Elementarteilchen war ein völlig neuer Blick auf die scheinbare Libertinage der 68-er-Folgegenerationen, Gegen die Welt ein kühner, existentialistischer Ansatz mit „Hilfe“ des berühmten Kollegen Howard Phillips Lovecraft, Die Möglichkeit einer Insel ein in SF eingebetteter Roman über das Altern und die Einsamkeit, Plattform sogar ein Appell, die Ausbeutung der dritten Welt durch Investition im Sex-Tourismus zu kompensieren (- ich habe vereinfacht).
Die Kritik ist sich einig, der mit dem Prix Concourt (literarische Sensation) ausgezeichnete Autor hat sein bestes Werk verfasst. Eine solch einhellige Reaktion auf das Buch eines Systemkritikers und enfant terrible, von der französischen Presse geradezu gehasst, ist verdächtig. Ist der Provokateur nun heim ins Reich gekommen? Das liebt die Reaktion besonders, wenn der Aufklärer widerruft oder weichspült. Keine Theorien wie in Plattform, keine lustvollen Bosheiten wie in Elementarteilchen. Ist der Autor altersmilde geworden? Stattdessen müde Seitenhiebe auf Anwälte, allzu euphemistische Polizistenbeschreibungen (man hatte ihn zwecks Recherche am Quai des Orfèvres empfangen).
Die Hauptperson Jed Martin ist Künstler, der sein Geld u.a. für die Fa. Michelin (übrigens kein Wort über die Reichtümer, die dieses Unternehmen aus dem Blut Indochinas gesaugt hat – da hätte ich von Houllebecq mehr erwartet) verdient, aber auch mit Portraits bekannt wird, so hat er auch das von Houllebecq gemalt. Jed wird berühmt, verliebt sich in die Michelin-PR-Tante Olga, eine slawische Schönheit.
Folglich macht uns der Autor mit der Kunstwelt und den sie bestimmenden Strukturen vertraut, allerdings mi Namedropping bis hin zu seinem Freund Beigbeder, der auch seinen Auftritt hat. Etwas überraschend platzt ein grässlicher Doppelmord ins Geschehen.
Das Buch hat seine köstlichsten Szenen, wenn der Autor sich persifliert, punktgenau anhand der Meinungen, die über ihn kursieren.
Dass häufig die als Misanthropen gebrandmarkten Gehirntiere wie Schopenhauer, Arno Schmidt und - ja, auch Houellebecq über grandiosen Humor verfügen, ist auch kein Zufall. Der Franzose schläft schon mal bei einem langweiligen Interview ein, schätzt seinen Hund so hoch, dass er nun auch im Klappentext sein Konterfei ziert. Das ist wirklich witzig.
Das Buch ist schon insofern wichtig, als es allen bisherigen Houellebecq-Ignoranten den genussreichsten Einstieg verschafft. Die Kritiker sprechen von seinem besten Roman. Mit Sicherheit ist es der am leichtesten zu lesende. Und das dient auch der entspannten Unterhaltung.
Michel Houellebecq: „Karte und Gebiet“, Dumont, 416 Seiten, geb., 22,90 €
Jürgen Schild