Startseite
Bücher
- Romane
Bali Groove
  - Teaser
  - Inhalt
  - Glossar
Miss Klon
  - Teaser
  - Inhalt
  - Material
  - Glossar
Kolumnen
- Wort der Woche
- Peinlichkeit der Woche
Rezis
- Brockhaus
- Romane
Essays
Musik
Profil
- Interviews
Verlagsgeschichten
Exotisches
- Reisefotos
- Reiseberichte
Lukull
- Gourmet
- Weine
Kontakt/Impressum
Geheimoperation: Folterkeller im Neubau
1WTC
Thriller-Doku von Friedrich von Borries


Am Ende der Lektüre schluckt man  und sinniert, was nun von der vorgelegten Fiktion Realität ist und was nicht. Ja, man giert geradezu danach, rauszufinden, wie pervers unsere Welt geworden ist, vor allem der Teil, der vorgibt, im Namen der Freiheit zu agieren. Und da geht’s schon los. Die Freiheit zu verteidigen, indem man sie minimiert, bedeutet in der Realität, Ansprüche auf irgendeine verbindliche Rechtsnorm aufzugeben. Das entspräche dann im Ergebnis dem anarchistischen Konzept, den Staat zur Überreaktion zu reizen, um seine Scheinheiligkeit zu verdeutlichen. Dass dies zu gelingen scheint, ohne dass ein Anarchist auch nur den Arm zu heben braucht, ist der wahre Hohn. Folter, Überwachung, Verrat, Denunziation: das Buch ist auf der Höhe hysterischen Zeitgeists.

 

Der junge deutsche Künstler Mikael trifft bei einem Stipendiat in New York, wo er eine eine Art Video-Kunststück über die Überwachungs-Hysterie nach 9/11 dokumentieren will, auf die Künstlerin Jennifer, die sich in ihrer Doktorarbeit und ehrenamtlichen Tätigkeit ebenfalls mit Datensicherheit beschäftigt.  Dank seiner Freundin Syana, die als IT-Whizard und Hackerin für die Army ein totales Spiel (dergleichen Kriegsspiele dienen dem Militär auch als Rekrutierungshilfe) designt, kann er den Inhalt der Überwachungskameras abgreifen, deren Eintönigkeit er mit Jennifers Auftritt und Schrei „Show, you are not afraid. Go shopping.“, auflockert. Dieser struckdumme Satz stammt von New Yorks Ex-Bürgermeister Guiliani.

 


Jennifer lernt in der Bibliothek den Ex-Soldaten Tom kennen, der soeben seinen TraumJob als Sicherheitsarchitekt beim Bauunternehmer SOM gekriegt hat, wo er im Keller die neuen Server-Räumer des 1WTC gestalten soll. Als Krieger in Afghanistan und Irak wurde er mit Folter und Verhören konfrontiert. Als sich nun einer seiner Ex-Chefs, der mit zwei Geheimdienstkollegen auf der Suche nach erfolgreichen Verhör-Methoden ist, beim ihm meldet, muss er die Idee, die er einst äußerste, realisieren.

Ein kleiner Beitrag zum Psychogramm amerikanischer Anti-Terror-Kämpfer: So berichtete ein Referent, „dass islamische Selbstmordattentäter davon ausgingen, ins Paradies zu kommen, wo ihnen unter anderem willige Jungfrauen zur Verfügung stünden“. Darauf befahl der Kursleiter den Soldaten, „deshalb besonders auf lüstern blickende Passanten zu achten.“
Indem man die mutmaßlichen Verdächtigen durch ein Drogen-, Drohungs- und Folterscenario führt, um sie schließlich in einem Pseudo-Paradies aufwachen zu lassen, erziele man bessere Ergebnisse.
Wie just in Libyen wieder bestätigt, foltern (oder: lassen foltern) amerikanische Geheimdienste  und ihre Militärs gern im befreundeten Ausland, so auch in Polen, wo Tom den Prototyp starten soll. Aber er kommt frustriert zurück, weil es nicht ideal ist. Das Lager in Polen scheint nicht der perfekte Ort ...

 

Borries’  Buch ist neben Triller auch Glossar und Fundgrube architektonischer und künstlerischer Auseinandersetzung mit der Architektur als Zeitspiegel und Einschüchterung (die katholische Kirche kann davon ein Lied singen). Für Architektur-Studenten ein Muss. Es ist auch eine Hommage an die mutigen Künstler, die durch ihre Aktionen auf die schleichende Entmenschlichung unter dem Vorwand, das Volk zu schützen, hinweisen. Ein brillantes Debut, wenn auch die Recherche im letzten Teil etwas zu schnell und schlicht durch Syanas Spielergebnisse Früchte trägt. Aber ganz ohne SF-Appeal geht’s natürlich nicht, zumal des Autors Motto schlicht das Gruseln weckt: Fiktion ist die beste Tarnung der Realität.

 

Borries’ Bericht basiert auf den Enthüllungen des Künstlers Mikael, der konsequenterweise aus New York fliehen und untertauchen musste.

 

Friedrich von Borries: 1WTC, Suhrkamp nova, Broschur, 204 Seiten, 13,95 €

 

schi

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 



zum Seitenanfang ^