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Satiren
Schweres Wasser
Erzählungen von Martin Amis


Manche Leseratten sind enttäuscht, wenn ihr Lieblingsautor oder vielmehr dessen Verlag die Kluft zwischen der Veröffentlichung von Romanen mit einem Erzählband überbrückt. Martin Amis, dem wir so brillante Romane wie „1999“ und „Information“, köstliche Momentaufnahmen der unteren und mittleren britischen Gesellschaft, zeigt auch hier sein Genie. Satirische Kleinodien spiegeln die verschienene Facetten der Gesellschaft und zeigen, dass Amis auch in amerikanischen Konventionen bewandert ist.


Realsatire ist sein Metier. In „So macht man das“ (New Yorker, 1992) schildert er die verzweifelten Bemühungen eines Drehbuch-Autors um Anerkennung so perfekt unhd komisch, dass man wirklich nicht weiß, ob man mit dem Protagonisten leiden oder genüsslich lächeln soll ob der detailgetreuen Betrachtungen. Als Sohn eines berühmten Autors (Kingsley Amis) hatte Martin nicht diese Einstiegsschwierigkeiten, aber er kennt sie aus dem Eff-Eff. Amis‘ Schilderungen sind immer authentisch, egal auf welsches Feld er sich begibt. In „Lage der Nation“ (New Yorker, 1996) folgen wir den nutzlosen Versuchen des Rauschmeißers Big Mal, seinen Sohn, dem er eine bessere Schule finanziert, zu beeindrucken. Mal sinniert über seinen Job: „Nur schlechte Rausschmeißer schmissen tatsächlich auch jemand raus.“ Mals Strampeleien, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden, haben sein Gesicht gezeichnet und kulminieren in selten dämlichen Jobs. Als komplexbeladener Mann, der seine Frau verlassen hat, fühlt er sich zwischen andren Parren wie ein „Paria, der Beflecker der Kastenreinheit, und er dachte, sie dächten , er habe versagt.“

Wie beklemmend der englische Autor eine Situation verdichten kann, zeigt die Sieben-Seiten-Erzählung „Dentons Tod“(Encounter, 1976). Der auf seinen Tod gefasste Delinquent erlebt sein Ende voraus. Er macht sich seine Gedanken, mit wie viel Mann seine Gegner erscheinen werden und wie sie ihn maltraitieren werden. Fiebernd wartet der Leser auf eine Überraschung und erhält sie prompt. Nur ist sie unvorhersehbar. In „Heteroszene“ (Esquire, 1995) schreibt Amis voll in seinem Element. Er kontert die gesellschaftlichen Konventionen der Sexualität: Homosexualität ist das Normale, Heterosex das Anstößige. „Ein Sprecher der Kirchliches Koalition gegen die Familie verkündete, was niemanden überrachte, die Heterosubkultur habe sich ganz allein selbst diese Geißel (das Kinderkriegen) herangezüchtet. Auch diese Szene beleuchtet Amis akribisch:“Dem jüngsten Look entsprechend glich er einem halb angezogenen Polizisten, der sich für die Nachschicht fertigmacht.“ Maniriertheiten, Körperkult und schwule Sensiblität sind auf fast liebevolle Art beschrieben. Eine Geschichte, deren Situationskomik besticht. Wer Amis’Romane liebt, wird in diesen Kurzgeschichten bestens unterhalten.


Martin Amis: „Schweres Wasser“, Deutsch von Joachim Kalka, ADR, Fischer, geb. 284 Seiten


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