Das Reale schwindet
Stimmen
Unheimliches von Greg Bear
Horror-Autoren sollten mutig sein, falls sie nicht in ihre Kunst sublimieren. Der Autor widmet sein Werk nicht weniger als 14 brillanten Kollegen. Das reicht von Sheridan Le Fanu über Arthur Machen, Henry James, H. P. Lovecraft bis zu Straub, Koontz und King, „allesamt unheimliche Leute“, wie er schreibt. Damit hat er bei mir eine Erwartung genährt, die er nicht einlösen kann.
Der ehemalige Porno-Regisseur Peter Russell hat soeben seinen besten Freund Phil verloren. Inmitten der Trauerarbeit erhält er bei einem Besuch seines väterlichen Sponsors und stinkreichen Förderer Joseph ein Mobiltelefon, dass der rührige Vertreter Weinstein ihm mit einigen anderen Exemplaren schenkt, da er an Josephs Millionen will. Russell lässt sich aufeinen Deal mit Weinstein ein und wird irgendwann als Regisseur der Werbeaufnahmen für das Mobilteil „Trans“ gebucht. Weinsteins Cheftechniker Kreisler ist von seinem Produkt überzeugt: „Wir sind anderen um 100 Jahre voraus.“ Peter, der als netter Frauenheld, der zu allen so gut war, beschrieben wird, also eine Art Gary Grant mit grauen Schläfen, trifft in der Folge einige seiner Freundinnen wieder. Bei einer Video-Vorführung ist er schier empört, als ein alter Freund Körper frühere Gespielinnen und Stars aus dem Film in Form fortgeschrittener Pixel-Manipulation ihrer Körper und äußerlicher Charakteristik zum Leben erweckt. Peu à peu wird Peter mit eigenartigen Veränderungen der Realität oder seiner Wahrnehmung konfrontiert. Ihm er scheint ein Ebenbild von Phils trauernder Frau Lydia und seltsamen Fremden. Schließlich wird die Sache richtig unheimlich, als er seine tote Tochter wieder trifft. Im Auftrag Josephs nimmt er zu einem Medium Kontakt auf.
Das ist alles nicht schlecht, liest sich auch flüssig, kann aber die Vorgabe „großer Verschwörungsthriller“ oder Horrorroman nicht erfüllen. Bis es ein wenig schaudert , haben wir 200 Seiten hinter uns. Es ist ein Roman über das alte SciFi-Problem, die Verselbständigung der Technik. Interessant, wenn man nicht den totalen Grusel erwartet.
Greg Bear : „Stimmen“, Heyne, 382 Seiten, 12 Euro
Jürgen Schild