China im Umbruch
Tod einer Roten Heldin
Shanghai-Roman von Qui Xiaolong
Die Geschichte des gebürtigen Shanghaiers Xiaolong spielt zu Beginn der 90er-Jahre, just in der Zeit, die bis heute den Übergang von der sozialistischen Einheitswirtschaft à la EG-Stahlmarkt zum Kapitalismus prägt. Zwei Jahre vor Beginn seiner Roman-Handlung reiste er in die USA und blieb dort nach dem Tiennanmen-Desaster. Kein Wunder, dass er für sein Buch einen Award bekam. Seine Abwesenheit zur Zeit seiner Geschichte merkt man dem Roman nicht an. Das Buch ist jedem Shanghai-Besucher zu empfehlen, da es mit einer Vielzahl wissenswerter Details der Stadt aufwartet. Des Autors Liebe zu seiner Geburtsstadt illustiert fast jede Seite. Auch seine Beschreibung von Guangzhou, das aufgrund seiner Nähe zu Hongkong unter ideologischer Aufsicht stand, sich jedoch neben der Sonderwirtschaftszone Shenzhen etwas eigen entfaltete, ist ebenso detailreich wie wissenswert.
Unser Held Chen Cao ist Oberinspektor mit eigener Wohnung, Parteimitglied und Dichter im Nebenberuf. Letzteres verschafft uns einen grandiosen Einblick in die chinesische Lyrik, mit ihren seltsamen und häufig verstörenden Allegorien. Obwohl Chen alles andere als Ideologe ist, erfreut er sich der besonderen Protektion durch Parteisekretär Li. So ist er in eine Position gelangt, die ihm an Dienstjahren gemessen nicht zusteht. Befreundet ist er mit dem Gourmet Lu, der mit seiner Hilfe ein Restaurant mit russischen leicht bekleideten Kellnerinnen aufgemacht hat. Auch nicht parteikonform ist seine Zuneigung zur Reporterin Wang Feng, deren Mann sich nach Japan abgesetzt hat. Mit seinem Assistenten Yu verbindet ihn ein kameradschaftliches Dienstverhältnis, das Kommissar Zhang, einem Altkader, der nur noch Partei-Slogans zitiert, ein Dorn im Auge ist.
Die nackte Leiche der Modellarbeiterin Guang Hongying ist in einem Kanal gefunden worden. Anscheinend hat dieses sozialistische Vorbild von Kosmetikerin kein Privatleben besessen, sondern nur für die Interessen der Partei gelebt. Dank der Recherchen von Chen und Yu zeigt die Maske langsam Risse. Spannend wird dieChose, als die Beiden einen Prinzling (Sohn eines verdienten Kaders) des Mordes verdächtigen.
Die große Klasse des Romans liegt in seinem Lokalkolorit und der Charakteristik der Personen und ihrer Beziehung zur Partei. Doch der Leser sollte sich auf eine behäbige Erzählweise einlassen, die nichts von kapitalistischer Hektik oder Äkschen hat. Es geht alles betulich seinen sozialistischen Gang.
Qiu Xiaolong: „Tod einer Roten Heldin“, Zsolnay Verlag, geb. 460 Seiten, 24,20 Euro
Jürgen Schild