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Das Leiden der Frauen
Die Umarmung des Todes
Drama von Natsuo Kirino

Welch ein erregendes verführerisches Cover. Grüner Chiffon auf nackter tätowierter Frauenbrust. Und dann noch der marode Titel. Die schwülstige Erotik der Front kann der Roman nie einlösen. Auf dem Backcover wird es dann realistischer: Vier Frauen, vier Schicksale. Es geht um das Leiden der Frauen, kaum um ihre Lust. Allerdings machen sie alle den Versuch, ihr Leiden zu minimieren, die Freiheit zu gewinnen. Die Vier sind ausgeglichen charakterisiert. Für jeden was dabei. Wir erleben die stolze Masako, die sicherlich beeindruckendste Frau, weil sie ein gewisses Geheimnis umgibt und ihre Wirkung auf Kolleginnen und Männer das Drama bestimmt. Ihr Familienleben ist höchst eigen. Der 17jährige Sohn spricht aus Protest kein Wort mehr. Ihr Mann Yoshiki hat sich in die innere Immigration geflüchtet. Yoshie, wird von den Kolleginnen der Lunch-Pakete-Fabrik ehrfurchtsvoll „Meisterin“ genannt, da ihre  Produktivität die größte ist. Sie hat neben ihrer  Nachtschicht in der Fabrik eine inkontinente Mutter zu versorgen und bekommt auch noch von ihrer geflohenen Tochter ein Enkelkind aufgedrückt.  Kuniko ist die doofe, dicke, von Tand zu beeindruckende, junge Frau, deren Dummheit die anderen ständig gefährdet. Die schönste und zierliche Japanerin im Bunde ist die schüchterne Yoyoi, die von ihrem Ehemann Kenji misshandelt wird. Als sie ausrastet und ihn für seine Untaten bestraft, organisiert Masako die Beseitigung der Leiche und verwickelt die beiden anderen  Frauen ebenfalls in die Entsorgung.

Nach der Tat geht mit den Vieren eine Veränderung vor. Yayoi wird immer selbstbewusster und verdrängt erfolgreich ihre Tat. Masako erkennt plötzlich, dass ihr Beistand auf Yayois Mut beruht, aus dem persönlichen Gefängnis auszubrechen. Die raffgierige Kuniko will aus dem Fall Geld zum Abzahlen ihrer Schulden ziehen und fällt dabei einem Kredithai in die Hände, der prompt aus dem Drama der Frauen einen lukrativen Nutzen ziehen will. Er macht Masako den Vorschlag, den Fall zu institutionalisieren. Yoyois Mann Kenji hatte sich in die Shanghai-Chinesin Anna verliebt und war vor seinem Tod vom Barbesitzer und  ihrem Protégé Kasada verprügelt worden. Da Kasada eine düstere Vergangenheit zu verzeichnen hat, gerät er prompt in Verdacht.  

Glaubwürdige Charakterzeichnung trotz dramaturgischer Konstruktion. Seltsame japanische Realitäten, als die Verdächtigen völlig ungeniert am Telefon über die Entsorgung der Leiche diskutieren. Vielleicht sind die Japaner bessere Demokraten und noch nicht von Lauschangriffen heimgesucht? Das Frauenleiden benötigt 600 Seiten, sicher 30 Prozent  zu viel. Ab Seite 500 wird’s richtig spannend mit fulminantem Finale.

Natsuo Kirino: „Die Umarmung des Todes“, Goldmann, geb., 608 Seiten, 23,90 Euro

Jürgen Schild


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