Prosa-Labyrinth
Nacht der Orakels
Roman von Paul Auster
Wie Bodo Kirchhoff zuletzt im philosophischen Quartett empfahl, verlange das Schreiben und das Lesen Zeit. Gemäß dieser Attitüde entwickelt Auster bei der Vorstellung seines Protagonisten alle Ausführlichkeit. Die Schilderung, wie ein Mann wieder ins Leben findet, ist meisterhaft. Der Schriftsteller Sidney Orr versucht nach einem schweren Zusammenbruch, der ihn fast das Leben gekostet hätte, wieder in die Gänge zu kommen, liebevoll unterstützt von seiner Frau Grace. Bei einem seiner Spaziergänge kauft er sich in einem Schreibwarenladen ein blaues Notizbuch aus Portugal, das ihm folgend über seine Schreibblockade hinweg zu helfenscheint. Er spinnt eine Geschichte über einen Lektor, der ein unveröffentlichtes Manuskript seiner ehemals betreuten Autorin von deren Enkelin erhält und sich in diese verliebt. Orr verwendet hier den Flitcraft-Effekt, einen Hammett–Coup, wonach ein Mensch durch eine Art Lebensschenkung alles hinter sich lässt und völlig neu beginnt.
Auster schreibt über einen Schriftsteller. Tja, da kriegen wirs dann aus erster Hand. Aber diese Nummer ist nicht mehr allzu kickend. Labyrinthische Erzählstruktur ist Austers Werk. Filigrane Beschreibungen. Die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Diese Prosaschachtelei allein kann einen nicht mehr vom Hocker hauen. Zumal, bei Sprachschnitzern der folgenden Art: „Ich werde ins St. Vincent’s Hospital gebracht und für vier Monate dabehalten.“ Also „ich werde dabehalten“ kann nicht die Krönung der Hochliteratur sein. Oder etwas subtiler: „...die Stille war so ausgeprägt, dass ich das Kratzen des Bleistifts hinter mir hören konnte.“ Das ist Quatsch. Ich glaube nicht, dass amerikanische Bleistifte so schlecht sind. Da sucht jemand eine Stimmungsdefinition, die schief ist.
An solchen Beispielen wird auch deutlich, wie absurd der (deutsch geprägte) krampfige Unterschied zwischen E und U ist. Auster zählt sicher zu der Handvoll amerikanischer Spitzenliteraten und ist E, weil’s nicht so abgeht – :-). Sprachliche Feinheiten, Stilsicherheit und köstliche Situationskomik bietet beispielsweise ein Ross Thomas (wie auch ein Trevanian) in jedem Krimi. Der gilt als U. Auster verwendet Fußnoten, die eine eigene Dynamik über mehrer Seiten entwickeln, sodass der “Haupttext“ zur Kopfnote wird. Er probiert er ein 2-Spalten-Buch. Wer so was sinnvoll und perfekt haben will, sollt Arno Schmidt lesen, aber schnell.
Paul Auster: „Nacht der Orakels“, geb., 286 Seiten, ??;?? Euro, ISBN 3-498-00064-0
Jürgen Schild