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Im alten Athen
Das Rätsel des Philosophen
Geisteskrimi von José Carlos Somoza

Immer wieder gern gelesen – die Mytifizierung eines Manuskripts. Der Text selbst wird zum Rätsel. Die Feinsinnigen unter uns befassen sich gerne mit Altertum und philosophischen Exkursen. Darauf setzten Verlag und Autor und aufs Erste lässt sich der Roman gut an. Vorgesetzt ist Platons siebenter Brief, und wir lernen ihn in der Geschichte kurz kennen.
Im Athen seiner Zeit wird ein junger Mann auf der Straße gefunden, anscheinend  von Wölfen zerfetzt. Sein Lehrer Diagoras, der ihn an Platons Akademie unterrichtet hatte, beauftragt den Rätsellöser Herakles Pontor mit der Ermittlung des Falls. Und gemeinsam mit diesem Sherlock Holmes des Altertums – William von Baskerville lässt grüßen – lernen wir die griechische Stadt kennen. Es dauert nicht lange und der zweite Schüler der Akademie wird grausam ermordet. Allmählich hat der Detektiv Herakles um sein Leben zu fürchten.

Im Zuge ihrer Ermittlungen – Herakles lädt Diagoras häufig zur Spurenbesichtigung oder zum Verhör ein – wird die unterschiedliche Philosophie der beiden deutlich. Während Herakles der kühle, berechnende und vernunftorientierte Sammler von Fakten ist, weidet sich Diagoras im Licht des Idealismus, im festen Glauben an die gute Idee als solche. Dass gerade der Lehrer mit Zerfleischungen seiner Schüler und lauernder Unmoral leben muss, erweist sich als Knackpunkt der Geschichte.  Konsequenterweise geraten die beiden Männer häufig aneinander. Die unerschütterliche Ruhe, Toleranz und der  trockene Humor des Herakles gewinnen die Gunst des Lesers im Nu.

Der Roman reizt auch in seiner zweiten Ebene, der symbolischen oder eidetischen Rahmenhandlung. Wir erfahren, dass der Übersetzer dieses Originaltextes Anmerkungen des Herausgebers kommentiert. Diese Fußnoten werden mit zunehmender Verwicklung der Geschichte wichtiger. Der Übersetzer – quasi der Ich-Erzähler – wundert sich über die Metapher des Textes und darüber, dass der Herausgeber Montale anscheinend den eidetischen Gehalt des Roman ignoriert. Dem Übersetzer scheinen die Abenteuer  und Prüfungen des Herkules, nicht von ungefähr Name der handelnden Detektivs, Hintergrund der metaphorischen Textauswertung zu sein. Allmählich entwickeln die Fußnoten ihre eigene Handlung. Das philosophische Rätsel findet also auf zwei Ebenen statt.

Der Autor Somoza hat eine intelligente Story entwickelt, deren Dialektik, personifiziert von den beiden Protagonisten, die platonische und materialistische Interpretation offeriert. Der symbolische und metaphorische Rahmen in Form von Fußnoten überlastet manchmal den Fluss und Takt der feinen Prosa. Aber das tut derSpannung keinen Abbruch. Gewichtungen von Plot und Metaphorik wird der geneigte Leser selbst abwägen. Die Ingredienzien eines Philosophenkrimis sind jedenfalls vorhanden.

José Carlos Somoza: “Das Rätsel des Philosophen”, Claassen-Verlag, geb. 412 Seiten,

Jürgen Schild
 


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