Roadmovie
Kalt
Science-Roman von Dean Koontz
Bei einer Bestimmung des Genres tut man sich schwer, aber das ist ein deutsches Problem. Nicht nur, wie der Kommentar von Cosmopolitain beweist: „ Dean Koontz spielt raffiniert auf der Klaviatur der Emotionen“. Da wollte ich’s schon wieder weglegen, aber man kann sich zum Glück auf Klappen-Belobigungen selten verlassen. Drei Protagonisten vereint ein brisantes Stigma. Der Maler Dylan O’Connor, sein autistischer jüngerer Bruder Sheperd und die Stand-Up-Komödiantin Jill Jackson werden von einem Wissenschaftler, den sie später „Frankenstein“ taufen, mit einem Zeug infiziert, das ihre Fähigkeiten verändert. Jener Wissenschaftler gab ihnen mit auf den Weg: „Die Wirkung ist ausnahmslos interessant, häufig erstaunlich und manchmal positiv.“ Nach ihrer gewaltsamen Infizierung kriegen die Versuchskaninchen noch so eben mit, dass sowohl der verrückte Wissenschaftler als auch sie von schwer bewaffneten Kommandos verfolgt werden. Von nun an sind sie auf der Flucht. Als erste bemerkt Jillian ihre neue Fähigkeit, vorherzusehen. Dylan erkennt, dass er durch Hautkontakt mit Gegenständen oder Menschen die Psychospur der Leute erleben kann. Im Zuge ihrer Flucht entwickelt der Autist Sheperd zum Glück die Gabe der Teleportation, oder wie Treckies sagen würden, das Beamen mittels eigener Geisteskraft. Er ist in der Lage, den Raum zu falten. Humorige Passagen ergeben sich, wenn seine Gefährten in höchster Not flüchten müssen und Shep erst mühsam und mit allen Raffinessen aus seiner autistischen Apathie gelockt werden muss.
Leider benötigt Koontz das halbe Buch, um endlich die neuen Mutationen der drei Helden zu statuieren. (Glauben Schriftsteller eigentlich, man hätte nichts zu tun? Das ist undemokratisch ihren KollegInnen gegenüber, die auch was zu schreiben haben.) Nachdem man sich in die neuen Fähigkeiten reingedacht hat, schweben einem als SF-Fan natürlich brillante Möglichkeiten vor Augen. Koontz jedoch will uns eher die emotionalen Folgen neuer Gehirnleistungen vorstellen. Ich glaub nicht, dass das gelingt. Er hat selbst mit martialischen Bedrohungen begonnen, scheint aber entsprechende Reaktionen seiner Helden vermeiden zu wollen. Da bremst Pseudo-Humanismus die Dramaturgie. Bezeichnenderweise ist seine Sprache bildreicher und besser vor der Offenbarung der neuen Geisteskräfte.
Dean Koontz: „ Kalt“, Heyne, geb., 512 Seiten, 22 Euro
Jürgen Schild