Apokalypse now
Puls
Horrorroman von Stephen King
Der Horror-Autor, noch keine sechzig und schon für sein Lebenswerk ausgezeichnet, hat in diesem Roman eine brillante Idee ersonnen. Und wie viele geniale Einfälle ist sie ebenso schlicht. Sie lag quasi in der Luft. Das Armageddon wird eingeleitet durch Handy-Impulse. Wie zeitgemäß und wirkungsvoll. Clayton Riddell wird Zeuge einer untergangsreifen Straßenszene. Alle Menschen, die ein Handy am Ohr haben, drehen durch. Sie laufen Amok und bringen einander um, verhalten sich, als sei ihnen jede menschliche Sitte abhanden gekommen. Riddell bricht mit dem Leidensgenossen Tom und dem Mädchen Alice nach Norden auf, um seinen Sohn, der natürlich auch ein Handy hatte, zu suchen. Sie, die Normies, wandern nachts, da die Phoner nur tagsüber aktiv sind. Anscheinend sind die Puls-Infizierten telepathisch in Verbindung; allmählich entwickeln sie jedoch auch eine Sprache. Irgendwann (da gehen locker hunderte Seiten ins Land) keimt der Verdacht, dass es sich bei dem Handyangriff um eine Art Formatierung des Gehirns handelt. Als die drei eine Ansammlung der Phoner, hier Schwarm genannt (Perry-Rhodan-Leser werden nicken), vernichten, sind sie fortan Parias, zwar geschützt, aber auch von den letzten Normalos gemieden. Der Track scheint sich in der Art der Lemminge in eine Gegend zu bewegen, wo kein Handy-Verkehr möglich ist.
Die Weltuntergansszenarien kennt man von Science-Fiction-Büchern und Filmen. So perfekt die Idee war, so wenig kann der Autor die Spannung nach der Initialhandlung entwickeln, und so werden diese 530 Seiten jemandem, der schon einige Endzeitsagas hinter sich hat, zunehmend langweilig. Man hofft vergeblich auf den Clou am Schluss oder wenigstens eine plausible Erklärung. Irgendeine fade Tröstung als melancholisches „Happyend“ ist nach diesem Aufbau zu wenig und bedient allenfalls einen diffusen Theismus.
Als Zugabe gibt es eine Vorschau auf King’s neuen Roman. Seine Handschrift wird auf der gegenüberliegenden Seite ins Deutsche übertragen. Ein Bonbon für Übersetzer und solche, die es werden wollen.
Stephen King: „Puls“,Heyne, geb., 558 Seiten inkl. Vorschau, 19,95 EUR
schi