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Plädoyer für Sextourismus
Plattform
Zeitgeist von Michel Houellebecq

Die Bestelllisten bei Dumont waren übervoll und brachten den Vertrieb ins Schleudern. Die Deutschen sind halt interessiert, wenn es um Sex und Aufklärung geht. “Mehr als jeder andere Volk kennen die Deutschen Kummer und Schande, sie verspüren das Bedürfnis nach zartem Fleisch, nach einer sanften und unendlich erfrischen Haut.”, behauptet Michel, des Autors Alter Ego.

Michel ist Kulturbeamter und die Schilderungen seines routiniert deprimierenden Alltags wirken in ihrer Lakonie satirisch. “Wenn ich aus dem Büro kam, sah ich mir im allgemeinen (ADR) erst mal eine Peepshow an. Das kostete fünfzig Francs oder manchmal siebzig, wenn die Ejakulation auf sich warten ließ.” Durch den Tod seines Vaters kommt Michel zu Geld und tritt eine Pauschalreise durch Thailand an. Seine Zitate aus den Reiseführern Michelin und Guide du Routard kommentieren Land und Leute aus eingeschränkter Sicht. Da wird bereits im Vorwort der Sextourismus angeklagt, diese “abscheuliche Sklaverei”. “Die Schreiberlinge ... waren Nörgeltypen, deren einziges Ziel darin bestand, den Touristen, die sie haßten, auch noch die letzte kleine Freude zu vermiesen.”  Michel distanziert sich von den meisten Mitgliedern seiner Reisegruppe. Babette und Léa, die “beiden Schnepfen...dachte ich, wären nicht fähig gewesen, thailändische Prosituierte zu sein; sie waren dessen nicht würdig.”  Sofort ist er vom Reiz der thailändischen Prostituierten gebannt und macht auch vor Valérie (“sie hatte etwas Mütterliches und zugleich etwas von einem geilen Luder”), der einzig Sympathischen,  keinen Hehl daraus. Seine pennälerhaften Unsicherheiten in ihrer Gesellschaft gehören zu den Zärtlichkeiten des Romans.

Zurück in Frankreich trifft er sie wieder und verliebt sich endgültig. Die Beiden feiern ein berauschendes Sexualleben, das auch vor Dritten nicht halt macht. Als Valérie mit ihrem Chef genötigt ist, lahme Ferienklubs durch ein neues Konzept in die Gewinnzone zu bringen, steuert Michel seine Idee bei. Die Menschen in den westlichen Ländern sind nicht mehr in der Lage, ihre Sexualität auszuleben. Dagegen kann die dritte Welt, in der Sexualität noch unbelastet, ihr sexuelles Reservoir Verfügung stellen. Die Drei entwickeln eindeutige Botschaften in ihren Reiseprospekten, und der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Sie haben die Plattform für den idealen Tausch zwischen den Besitzenden und den Armen gefunden.     

Die ersten 100 Seiten sind sehr witzig, danach verplätschert der Humor ein wenig. Der Autor schiebt seiner Handlung häufig Informationen der Reisebranche, soziologische Statistiken der Gesellschaft und Erklärungen, die im Fall von Kubas Geschichte zuweilen überflüssig weil bekannt sind. Aber er schafft es, diese Aufklärungspassagen in seine Dramaturgie zu integrieren. Eine Provokation ist dieses Buch nicht. Es gibt nur zu wenig Aufklärer und Zeitgeistkritiker, die ihre Gesellschaftsanalyse in einen unterhaltsamen Roman packen.

Michel Houellebecq: “Plattform”, Dumont Verlag, geb., 340 Seiten, 24 Euro


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