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Eine Kulturgeschichte
Erotik
Roger Willemsens Wahl

Hin und  wieder findet sich ja in unserer Fernsehlandschaft zwischen geistlosem Konsumgeschwätz und medienbetriebener Verdummung ein Glanzstück wie der Satire-Entertainer Schmidt oder unser  geistvoller Roger Willemsen. Dieser ist anerkannt gebildet und berät die Bildungsresistenten auf den verschiedenen Gebieten. So gibt er im Verlag 2001 seine Musikkenntnisse preis, paliert ebenso ernsthaft wie unterhaltend  auf ausgesuchten Kanälen und hat nun eine  erotische Sammlung herausgegeben. Der Mann ist fürwahr  belesen, und so nehmen  wir gerne seine  Empfehlungen in Kauf. Man lblickt aufs raffinierte  Cover als Schlüsselloch, nimmt das Buch und spannt. In seinem gelehrten Vorwort erzählt Willemsen von der Geschichte  der Erotik, von Epochen, „die auch die Bein des Klaviers schamhaft in Spitzenhosen steckten und Bücher getrennt nach dem Geschlecht der Verfasser aufbewahrten.“

Der Herausgeber und Kommentar weiß, was er dem christlichen Abendland  schuldet, und beginnt  konzeptionell mit Hesekiels “Über die Hurerei Jerusalems“ , nachdem  der dem NonPlusUltra der erotischen Lehre,  dem „Kamasutra“die Ehre erwiesen  hat. Wir finden Geschichten, bar jeder Erwartung wie das Gedicht anonymer Londoner Prostituierter „Die Anschaffe“. Die Ansprüche der Männer werden deutlich Lorenzo Venieros „“Gereimte Presitafel“ und Graf Stolbergs „Wahl meiner künftigen Gattin und ihrer Eigenschaften.“ An Kinski erinnert uns  die „Ballade von Villon und der dicken Margot“, bevor Frank Wedekind „Die Mädchen von Paris“ beschreibt. Ein sehr praktisches  Buch, da man auch nach der Länge  der Stücke entscheiden kann, und so kann man sich mit  einer halben Seite Jack Kerouac (Traums) oder Jacques Préverts „Blutorange“ befassen. Willemsen hat eine solche Vielfalt versammelt, dass auch wenn es noch so abgedroschen klingt – für jeden reichlich dabei ist. Schon in den Titeln können manche LeserInnen  schwelgen. Poggio Bracciolini schreibt „Von einem  Mönche, der sein  Glied  durch das Loch eines Brettchens einführte“ oder „Nuna-kaha-hime antwortet der Werbung Ya-chi-hokos.“

Bukowski, de Sade, Apollinaire, Seneca, Baudelaire, Miller, Ovid –  es  fehlen allenfalls die Dekadenzen wie ein Joris Karl Huysmanns oder wollte ich nur mal aufzeigen? Die Deutschen sind  sporadisch vertreten. Wer zu viel denkt...

Erotik, gesammelt  von Roger Willemsen, Fischer, 414 Seiten, 8,90 Euro
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