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Die Fresslust
Der Club der Engel
Schlachtmahl von Luis Fernando Verissimo

Auf dem Umschlagbild die Fressorgie mit nackten Weibern, ein opulentes Mahl auf dem Tisch, frackierte Herren und üppige Damen. Luis Fernando Verissimo, dessen Konterfei im Klappentext ihn nicht als Kostverächter darstellt, hat einen grotesken Roman geschrieben, der in seinem Fatalismus seinesgleichen sucht. Die Lust wird zum Ersatz, zum Selbstzweck und vernichtet ihre Anhänger. Will man das Ganze von Freude und Genuss abstrahieren, mag der Purist rezensieren: ‚Da wird einer nach dem anderen umgebracht, nur weil er nicht auf den Nachschlag verzichten kann. Ein gerechter Ausgang, da die Fettwänste sich ihrer Depression längst ergeben haben.‘

Falls Sie sich die Täter-Suche erhalten wollen, sollten Sie die ersten beiden Seiten überspringen. Der Mordplan ist banal. Jedoch hat die kriminalistische Konstellation ihren Reiz, da Verissimo es schafft, die Spannung trotz des stereotypen Plots bis zum Schluss zu halten. Wir verbinden mit den Todgeweihten Sympathie, besonders mit dem Ich-Erzähler Daniel. Dieser, nachdem er drei katastrophale Ehen überstanden hat, führt seine Schwerleibigkeit auf die fehlenden Grenzen seiner Kindheit zurück. Er erzählt im Plauderton, ergeben bis relaxt.

Zehn Freunde richten ein monatliches Festmahl bei einem der Ihren aus, der dann auch die Pflichten des Kochs übernimmt. Am Anfang waren die gemeinsamen Abendessen auch Machtrituale, die bewusste Angabe von Urteilsvermögen und Geschmack, auf dass es jeder in der Stadt mitkriege. Sie nannten sich “Hackfleischklub”, zur Erinnerung an ihre Vorliebe als Jugendclique in der Stammkneipe Galberi.

Daniel erzählt einiges von Ramos, der Leitfigur des Zirkels, der ihnen die Philosophie, “Essen als Beispiel für die sinnliche Aneignung einer Kunst” vermittelt hatte. Nach Ramos‘ Tod durch Aids war die Gesellschaft ihrer Führung und eines Großteils ihrer Intention beraubt. Nach der Krise, verstärkt durch den erstmaligen Auftritt der Frauen, reinitialisiert Daniel den Brauch und zieht den brillanten Koch Lucídio hinzu. Und dieser zaubert gleich beim ersten Mal in Daniels Wohnung ein Bœuf Bourgignon, das ihre früheren Genüsse übertrifft. Allerdings mit dem Ergebnis eines Vergifteten.

Daniel berichtet von dem Grillgerichte liebenden Jesuiten Abel, vom Fanatiker Samuel, der seinen Verfall auch äußerlich dokumentiert, vom schokoladenhörigen Tiago, vom parfumierten Pedro, von all denen, die im Lauf der Zeit zu ihrer eigenen Karikatur verblichen sind. Da beschleicht den Leser das Gefühl, dass die Plotfolge eine letze Zelebrierung des Versagens ist. Eigentlich sind sie alle längst satt.

Luis Fernando Verissimo: “Der Club der Engel”, Droemer, geb., 176 Seiten

Jürgen Schild



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