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Marseille lebt
Chourmo
Polit-Krimi von Jean Claude Izzo


Sein zuletzt bei UT metro veröffentlichter Roman Total Cheops war ein Knaller. Auch im zweiten Band der Marseiller Trilogie liebt, verteidigt und polarisiert Izzo seine Stadt als Brennpunkt von Verbrechen, Kultur und Menschlichkeit. Der Autor besingt seine Stadt und schildert, dass jeder die Chance hat, in ihr und durch sie unterzugehen. Allein aus dieser Konstellation bezieht er sein Spannungsfeld. Fabio Montale, der integre Kommissar, ist aus dem Polizeidienst ausgetreten. Eine konsequente Reaktion auf die Unfähigkeit des Polizeiapparats, die Stadt vor  Korruption und Bedrohung, Rassismus und Nazismus zu schützen. Fabio, der Feinschmecker, Jazz-Liebhaber und Genießer mediterraner Sinnlichkeiten, versucht, in seiner Hütte am Meer zu relaxen.

Kaum schient sich Montale in seinem neuen Leben zurecht zu finden, bittet ihn Gélou, die Dorfschönste seiner Jugend, ihren verschwundenen Sohn zu finden. Der junge Giutou war nach Marseille gekommen, um seine Freundin Naima zu treffen. Sie hatten sich die Wohnung eines Freundes geliehen und geraten mitten in ihrer Liebesnacht ins Feuer brutaler Auseinandersetzungen. Montale beginnt zu recherchieren und erkennt bald, dass er in einem Pfuhl von Rassismus, Korruption und Lüge unterzugehen droht. Als Liebhaber der Freuen muss er sich auch noch mit den Reizen von Gélou und der faszinierenden Vietnamesin Cuc auseinandersetzen.

Ein Krimi ist häufig der Ausbund von Sozialkritik. Und bei diesem Begriff nicken viele schon ab. Die sollten dringend Izzo lesen. Sozial- und Persönlichkeitsstrukturen sind wie aus einem  Guss. Hier wird deutlich, dass das Urbane die Basis für Freundschaft, Offenheit, Toleranz in sich birgt und zugleich die Verrohung und das Asoziale. Die Kriminalität entwickelt sich auf diesem Feld zwangsläufig. Und diesen Prozess  schildert Izzo perfekt.  Da ist keine Trennung von Sprache, Handlung und Plot, keine Anstrengung und Langatmigkeit. Seine Romane sind kritischer und flüssiger als die von Sjöwall/Wahlöö.  Ganz zu schwiegen vom manchmal weinerlichen Mankell.

Am Beispiel seines Ex-Bullen Montale zeigt Izzo auch die Chance auf, aus der Depression über die zerüttenden Zustände der Stadt zu kommen: Menschlichkeit, Liebe und Lust. Nicht zuletzt hilft Fabio sich mit den Essfreuden der Region. “Ich hatte sie zu Loury am Carré Thiarsin der Nähe des alten Hafens geführt. Man isst gut dort, ob es dem Gault Millaut nun gefällt oder nicht.” Ein besseren Fremdenführer durch Marseille und seine lukullischen Attribute kann ich mir nicht vorstellen. Welche Spitzen-Rosés der Region zu bevorzugen sind, erfährt der Leser prompt. Immer wenn Montale in ein Loch fällt, kann er sich auf seine Freunde verlassen. “Es tat gut, sie um mich zu haben, Honorine und Fonfon. Mit ihnen war immer ein Morgen gesichert.” Botschaft und Trost zugleich.

Jean Claude Izzo: “Chourmo” Unionsverlag,  ut metro, 270 Seiten, 19,90 DM, NDR  

Jürgen Schild


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