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Die Raritäten der Franzosen
Garagenweine
Der letzte Schrei der Spekulanten und Genießer

In der Welt des vermögenden Genießers, im Bereich des Casino-Kapitalismus, wo die Unternehmer statt Produktentwicklung und Erschließung neuer Märkte  durch Fusionen  ihren Aktienwert kurzfristig auf bauschen, gibt es etwas Neues für die Sammler-Gier. Schließlich muss man den Leuten mit dem Spielgeld ständig was bieten. Sonst investieren sie womöglich vor lauter Frustration über ihre bescheidene Rendite in den Waffenhandel, finanzieren Christparteien oder unternehmen sonstige hässliche Sachen.

 
 

Aus dem Vorspann spricht natürlich der Neid des Besitzlosen. Also weiter. Da für den Lebemann  ein Abend mit Latour (Hochgewächs aus Bordeaux) mehr Sex ausstrahlt als eine Disco-Runde mit dem Targa oder Online-Broking mit dem Mac, musste was getan werden. Anreize, um seiner Ausgehaltenen und seinen Freunde noch deutlicher zu machen, an welch überlegener Lebenskunst sie Anteil nehmen können.

 

Gärende Preise

 

Die Franzosen wieder. Immer gut für einen Kult. Schließlich bringen sie es auch fertig, in einer Dekade drei Jahrhundertjahrgänge zu erzeugen. Reichte es noch nicht, für die Subskription von Hochgewächsen wie dem eben aufgeführten an die 300 DM hin zu blättern. Immer mehr Edelmarken waren nur zu bekommen, wenn man die Bahndamm-Verschnitt-Lage  drumherum gleich mitkaufte. Hatten sie noch nicht genug mit den Spekulationserfolgen, angeführt von Konsortien und Japanern, die beim Golf nicht das Loch fanden, kreierten sie nun  die so genannten Garagen-Weine. Diese Salon-Weine sind rarste Tropfen, deren Anbaugebiet kaum die Ausmaße eines Boule-Felds überragt.

 

Die Revolution

 

Die Bewertungen dieser Tropfen entsprechen Premiers Crus. Ihr ”Schattendasein” außerhalb der prestigeträchtigen  Klassifikationen hat keine zehn Jahre gedauert. Dann waren sie da. Nun sind sie in aller Munde (in meinem leider nicht) und bedrohen die Pfründe des Winzeradels.   Es fehlt nicht mehr viel und der Unwille der Konservativen fällt über die Garagisten her. Ursprung dieser neuen Veredelungstechniken war das St. Emilion. Nun, was machen die Emporkömmlinge anders?

 

Neue Techniken

 

Die Anbaufläche beschränkt sich auf ein bis drei Hektar. Meisten werden die Ernten genau kalkuliert. Bei den Anfängen fielen Winzer im St. Emilion auf, die ihre Trauben in leichter Überreife ernteten.  Der Rebschnitt gehört zweifellos auch zu den Feinheiten in diesem Handwerk. Die meisten Garagen-Produzenten arbeiten mit neuen Barriques (Holzfässer), immer häufiger wird die Hefe umgerührt. Das macht die Weine dichter und kompakter. Die Geschmacksträger werden verstärkt. In letzter Zeit hört man häufiger von der Pigeage, einer speziellen Behandlung (vorsichtiges Zerquetschen) der Frucht in den Gärtanks, die eine Betonung von Tanninen und Farbe zur Folge hat.  

 
Rare Trauben

Sicher sind die Reben auch viel besser zu vinifizieren, da es eine absehbare Menge von 20 oder 30 Fässern betrifft und nicht hunderte. Was manche Besucher zum Staunen mit offenem Mund gebracht hat, ist die Optik auf den Parzellen, deren Ausmaße einen besseren Garten nicht übertreffen.  Oft entdeckt man nur drei bis fünf Trauben an den Stöcken. Die sehen dann ziemlich verloren aus.  Wenn nur wenige der Nachkommen die Substanz von Erbgut, Klima und Terroir verarbeiten, entwickeln sie sich ausdrucksvoller. Natürlich ist das Ernten reine Handarbeit. Wahrscheinlich begrüßen die Geburtshelfer ihre Früchtchen mit Kosenamen.

Es sollen schon Winzer gesichtet worden sein, die nicht nur mit den Beeren sprechen, sondern sie täglich tätscheln und streicheln. Ob sie eine Art Zölibat auslebten, ist nicht bekannt.

 
Jürgen Schild
 
Übrigens
Die Sanktion
 

Dass sogar Franzosen über deutsche Tugenden verfügen zeigt folgender Coup. Seit drei Jahren bedeckt Jaen-Luc Thunevin, einer der ”Garagen”-Gründer den Boden seiner Rebstöcke mit Folie, um ihn vor zuviel Regenwasser zu schützen. Nun wurde sein Wein Château de Valandreaud von der  Appellation St. Emilion zum Vin de table degradiert. Dies hat das Institut Nationale  des Appellationes d’Origine entschieden.  Ja, sie wollen ihm sogar das Chateau aberkennen. Ist das Konservatismus oder Neid oder nur Innovationsfeindlichkeit? Ähnliche Experimente wurden bereits ohne  Bestrafungen geduldet. Wahrscheinlich hat Thunevin nicht gefragt. Jedenfalls ist er nicht zu Kreuze gekrochen.

 
 


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