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Gegen die Norm
Crossover: Hetero/Bi – Kult, Spiel oder Orientierung
Von Jürgen Schild (Sep. 2000)
MultiKulti ist schick. Macht sich auch gut, um der Nazi-Renaissance zu begegnen. Selbst Schröder schmückt sich mit Cohiba und Brioni. MultiSex kommt auch. Doch was ist bi? ”Ich bin für alles offen.”, heißt in Zeiten von AIDS-Risiko. Ist bi Orientierungslosigkeit, Unentschiedenheit oder Spielerei? Sollte man möglichst nicht mehr mit homosexuellen, pansexuellen und all diesen Genital-Rassismen operieren, sondern nur noch von MultiSex sprechen?
 
Mit solchen Gedanken befasst sich die Havard-Professorin für Literatur- und Kultur-Studien, Majorie Garber in ihrem Werk ”Vice Versa” (1995).  In Deutsch: Die Vielfalt des Begehrens; Untertitel: Bissexualität von Sappho bis Madonna. Fünf Jahre später, da Madonna von publizistischer Exhibition zum Kinderziehen konvertiert ist.
Vor einem Vierteljahrundert war Gruppensex schick, Kommunen, Partnertausch. Die Libertinage ist heute gebremst, nicht zuletzt durch AIDS, Schwule wollen heiraten, heterosexuelle Privilegien.
Bisexualität eröffnet uns – und das hat auch was Beruhigendes - dass die sexuelle Zuordnung nicht im frühesten Kindesalter bestimmt sein muss oder wie Garber formuliert: ”Bisexualität bedeutet, dass man sich nicht jederzeit durch und durch kennt.” Wer damit leben kann, wird sich vor Überraschungen nicht immer retten können.
 
Androgyne
fressen Lätta
 
Spätestens seit der Lätta-Reklame – man rätselte vor Plakaten, welches Geschlecht das Modell wohl habe – wissen Frauen wie Männer um den Reiz des Androgynen. Oder ahnen zumindest. Dass der Mann häufig behaart ist und das Hinterteil der Frau ihr schwer wiegendster Teil ist, scheint den Geschlechtern als Stimulus nicht mehr auszureichen. Zu Beginn ihres Buchs führt Garber Alexander, Cäsar, Sokrates und Shakesspeare aöls Männer-Liebhaber auf. Bei Heerführern halte ich das für schlicht-notwendig. Dann schwenkt sie zur Pop-Kultur und führt Madonna, Jagger und Elton John ins Feld. Welch köstliche ästhetische Konstellation. Keine publizierende Psychoanalytikerin in Amerika kommt übrigens ohne Madonna aus. Bei den Pop-Gruppen erwarte ich stündlich, dass hinter ihrem Namen nicht mehr das Kürzel fürs Instrument, sondern für ihre sexuelle Orientierung erscheint. Statt ”dr” für Schießbude also ”bi” für Doppelbecken.
 

Entweder oder

 
Was ist an Bisexualität so bemerkenswert oder faszinierend außer dem Fremdartigen, dem Anderssein? Und was macht das Befassen mit dieser Vorstellung des Begehrens so aktuell? Einer der entscheidenden Ansatzpunkte dürfte die Irritation von Macht sein. Vielleicht ein Aspekt der Befreiung von einengenden, und damit der Herrschaft dienenden, Konventionen. Im Unterbewusstwein, im Verborgenen, sehnen sich vielleicht immer mehr Menschen nach Veränderungen, wehren sich gegen Polung. Gerade im Zeitalter des Binären dürfte es ein kickende Variante sein, sich aus den Fesseln von 0 und 1 zu befreien.
 

Nazis denken binär

 
Ja oder Nein. Wer nicht gegen mich ist, ist für mich. Einfache Entweder-Oder-Strukturen, die gerade den Deutschen seit Jahrhunderten eingeimpft wurden. Und es ist nicht weiter verwunderlich, dass durch diese militärische Ordnung  die Schrecken in der Vergangenheit gefördert wurden. Man (frau) muss sich ja nur die Einstellung der Nazis zu anderen sexuellen Lebensformen als der Heterosexualität vorstellen. Wobei dieser Ausdruck für nazistisches Gedankengut fast zu schönfärbend klingt. Ging es doch in diesem Militärkult, heute noch akzeptiert in Namen wie Carl Diem, ums Soldaten-machen, also Kinderkriegen. Im Land der Mutterkreuze war kein Raum für alternatives Begehren.
 

Lustersatz Rechner

 
Heutzutage werden die Computerfreunde und Internetjunkies vor allem von ihrer Software beherrscht und verlernen das selbständige Denken. Sie arbeiten immer nach Vorgaben, Updates, Programmen. Ein System oder Programm, falls es denn nur irgendwelche Lösungen anbietet, wird generell nicht in Frage gestellt. Kommunikationsformen, die uns das Rechnersystem anbietet, bewegen sich überwiegend in der Skala: ”Ja – nein- abbrechen.” Selbst der Denker unter den Computerfreaks wird nach mehrmaligem Abbrechen feststellen, dass er so nicht weiterkommt. Übrigens: die meisten Internet-Kranken sind Männer, die sich im pornografischen Milieu bewegen.
 

Quintessenz

 
Hetero ist amtlich, schwul ist nicht familienfördernd. Schwul und lesbisch sind wenigstens klare Standpunkte, meint der Konservative, aber bisexuell, da weiß man ja gar nicht mehr Bescheid. Bisexuelle sind verdächtig. Die Dichterin Adrienne Rich formulierte einmal in einem Essay, dass ”Heterosexualität wie die Mutterschaft als eine politische Institution begriffen und untersucht werden muss.” Oder joch deutlicher, Heterosexualität sei eine von Männern erfundene Institution, um Macht und Patriarchat zu erhalten.
Bäng, da ham wir den Salat.
Als Quintessenz betrachten wir einmal die sozial-politische Komponente. Vielleicht kann man/frau Bisexualität als Chance begreifen, die angestammten Machtverhältnisse zumindest zu diskutieren. Macht und Rang kultivieren gemeinhin einen reaktionären Reinheitswahn. Es gilt diesen zu erschüttern. Denn die Verdammung von bi entspricht dem Rassenhass.
 
Materialien:
Marjorie Garber: ”Vested interests” (Verhüllte Interessen / Fischer 1992)
Marjorie Garber: ”Vice Versa” (Vielfalt des Begehrens / Fischer Taschenbuch)
Michel Foucault: ”Sexualität und Wahrheit” Suhrkamp
Kate Millet: ”Sexus und Herrschaft” Desch


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