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Späterscheinung
Catwalk
Model-Roman von Dirk Wittenborn


Zuerst ist man riesig enttäuscht, sobald man feststellt, dass dieser Roman vor 20 Jahren geschrieben wurde. Da sich die Model-Szene mittlerweile quasi verselbständigt hat und zu einem eigenen Kult entwickelt, scheint das Insider-Geschehen vor zwei Jahrzehnten  nicht allzu interessant.
 
„Ich habe Zugang zu Geheimnissen ... und Geschichten ... die mir ... das Gefühl geben, ein geiler Tourist zu sein, der sich an ihrem Leben verlustiert. .. Ich unterschied mich von den Männern, die sie kannten. Es war, als könnten sie es riechen. Bei mir waren sie in Sicherheit – ich würde nicht mit ihnen bumsen." Das weckt gewaltige Erwartungshaltung.  Im Lauf der Geschichte erfahren wir dann, dass es um ein Mädchen geht. Das Mädchen „Stick“, das schon in der Provinz seine Eigenständigkeit erprobt, aber erst so richtig durch die Verknalltheit in einen Dieb einen Teil ihrer Bedürfnisse erkennt. Er hat ihr erklärt, dass sie eine eigene Schönheit ist und nebenbei ein Polaroid an die Top-Agentur in New York geschickt. Es wird nie so ganz klar, welchen äußerlichen Reiz sie ausübt. Das ist von einem herzförmigen Mund die rede, wenn sie lacht. Die Beine gefallen sogar  der Chefin der führenden Model-Agentur. Sie hat die Atem beraubende Schuhgröße 42, Konfektionsgröße 34 und ist hyperschlank.

Als ihre Vorstellung bei der Top-Modelagentur floppt, klaut sie in ihrem Frust eine Fotografenliste und kommt so zum Ich-Erzähler und späteren Chronisten ihrer Karriere, der sich in sie verliebt. Doch erst als der Friseur Herkules sie, die sich jetzt Zoë nennt, unter seine Fittiche nimmt und stylt, stehen ihr alle Laufstege und Werbeetats  offen. „Es machte sie high, im Mittelpunkt zu stehen –für jemanden wie Zoë  die gefährlichste aller Süchte, weil es so leicht war, an einen Schuss zu kommen.“ Die Drei Stylist Fotograf und Model arbeiten nun im Dreierpack. Ihr erster Freund und einziger Geliebter musste sich vor einer Verhaftung nach Vietnam „retten“. Stick vergisst ihn nie. Die emotionalen und dramatischen Szenen im Buch generieren sich durch den ständigen Versuch des Fotografen, jenen Freund für seine Zwecke zu nutzen, ob selbiger nun an- oder abwesend ist. „Zoë war die einzige Frau, die mir jemals eine Erektion verschafft hatte.“... Heute weiß ich, dass die Sexfrage mir nur als Ausrede diente. Ich liebte Zoë.“ Ein sprachlich beeindruckender und witziger Roman, der sehr vom Charakter der Protagonistin lebt. Sie ist wirklich der Star, dem es gelingt, seine Gefühle durchzusetzen.

Dirk Wittenborn: „Catwalk“, Dumont, geb., 316 Seiten, 19,90 Euro

Jürgen Schild


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