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Ein brillanter Lügner
Baudolino
Mittelalter-Epos von Umberto Eco

Alle paar Jahre kann man seinen Bildungsstand überprüfen. Spätestens dann, wenn der neue Eco erschienen ist.  Und der Professor für Semiotik, weiser Gelehrter und humorvoller Zeitkritiker, taucht wieder tief ins Mittelalter, zum Ende des 12. Jahrhunderts, um der Christenheit den Spiegel vorzuhalten. Seine Prognose, das 3. Jahrtausend werde ein blutiges ist angesichts der aktuellen Geschehnisse leider wahr. In seinem Roman kommen die Christen nicht gut weg. So rettet der Titelheld Baudolino  im brennenden, von Kreuzfahrern verwüsteten Konstantinopel, der schönsten und prächtigsten Stadt der damaligen Zeit, den griechischen Historiker Niketas vor den Schergen der Kreuzfahrer und erzählt ihm in den folgenden Tagen seine Geschichte.
Ecos Buch ist ein Roman der Täuschungen. Der Autor ist eh in seinem Element, wenn er uns seine Versionen der Geschicke im Jahrhundert der Kreuzzüge vermitteln kann. Wer in dieser Zeit firm ist, kann sich ständig mit den Lügengeschichten messen. Sicher ein akademisches Spiel, das Eco nicht zufällig anregt.
Baudolino ist ein notorischer Lügner, vorwiegend zum Nutzen seines geliebten Friedrich Barbarossa, der ihn als 13jährigen Bauernjungen adoptiert hat. Der Junge verliebt sich prompt am Hof in des Kaisers schöne Beatrix, bevor er nach Paris zum Studieren geschickt wird. Dort trifft er die Freunde seines Lebens, die ihn nach Jahrzehnten auf die gefährlichste Reise begleiten werden. Wann immer er Barbarossa trifft und mit ihm ins Feld zieht, erweist er sich als der nützlichste und furchtloseste Berater des Kaisers.
Baudolino plante seit langem, Friedrichs Ruhm zu mehren und ihm gegen die Herrschaftsgelüste des Papstes über das Abendland eine unanfechtbare Position zu verschaffen. Dazu forcierte er listig die Heiligsprechung Karls des Großen, in dessen Glanz und Nachfolge sich Barbarossa zu Recht weiden konnte. Die Erklärung der Unabhängigkeit der Rechtsgelehrten von Bologna war ein weiterer Meilenstein auf dem Weg von Friedrichs Emanzipation über die Kirche. Baudolino sorgt für den Transport der Heiligen Drei Könige nach Köln, aus deren Verehrung auch des Kaisers Kanzler und Kölner Erzbischof Rainald von Dassel Nutzen zieht. Schließlich  nutzt Baudolino die Legende des heiligen Grals, um seinem Vater Barbarossa die Krone der Autonomie aufzusetzen. Dass er diesen Gral von seinem sterbenden leiblichen Vater auf seinen Adoptivvater überträgt, kennzeichnet seine Ethik im Dienst des abendländischen Kaisers. Ein Zusammenschluss von Kaiserreich und dem legendären Reich des nestorianischen Presbyters Johannes soll die endgültige Niederlage des heiligen Stuhls einleiten. Diese Reise plant Baudolino seit Jahrzehnten und schließlich bricht er mit seinen Freunde gen Osten auf. Ab diesem Zeitpunkt schwelgt Eco gänzlich in Fantasien, wie sie ein bislang unbekanntes Land hervor beschwören.    

Umberto Eco: “ Baudolino”, Hanser, geb. 560 Seiten, 24,90 Euro

Jürgen Schild



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