Szenen einer Nacht
Afterdark
Roman von Haruki Murakami
Bei der Gattung Roman zögert man vielleicht einen Augenblick, weil Murakami Szenen aneinanderreiht. Sie spielen alle in einer Nacht in Tokio. Shortcuts gewissermaßen.
Die Position des Erzählers ist die einer Kamera. Und zwischen Lakonie und Detailversessenehit sehen wir die Szenen, die manchmal einem Gemälde eines Edward Hopper zu entstammen scheinen. Obwohl die Thematik einen nicht vom Hocker reißt, versteht es Murakami, einen zu fesseln.
Da sitzt die Chinesisch-Studentin Mari in dem Nachtrestaurant „Denny’s“, um die Nacht umzukriegen, als ihr ein jungen Musiker ins Buch quatscht. Sie ist fast verletzend zurückhaltend, er von einer entzückenden Bescheidenheit, gepaart mit Impertinenz. Allmählich gewinnt er ihre Gesprächsbereitschaft Mari erzählt von ihrem Urproblem (später deutlicher), dass sie zeitlebens unter der Schönheit ihrer Schwester gelitten hat, und quasi als Kompensation entschieden hat, die Fleißige zu werden. Später holt die Geschäftsführerin des LoveIn-Hotels „Apphaville“ sie ab, um die Worte einer misshandelten chinesischen Prostituierten zu übersetzen. Als die Frauen verstärkt durch zwei Zimmermädchen rauskriegen, wie der Peiniger aussah, informieren sie den Zuhälter.
Ein anderer Szenenkomplex schildert das Schlafen der schönen Schwester Eri, eine Voyeur-Struktur der unangenehmen Art. Zudem können wir den mutmaßlichen Gewalttäter bei seiner Arbeit belauern. Auf kurzem Raum hat Murakami Szenen entwickelt, die zugleich Einsamkeit, aber auch den Versuch, miteinander zu kommunizieren, schildern. Die Handlung ist rätselhaft und mysteriös und wunderbarerweise fremdartig. Wie die titelgebende Jazznummer „Five spot after dark“ scheinen blue notes die Nacht in ihrer ganzen Melancholie zu untermalen.
Haruki Murakami: “Afterdark“, Dumont, geb.; 238 Seiten, 19.90 EUR
Jürgen Schild