Schild's Wochenkolumne
Deutschtümelei vom Feinsten
Kampagne zur Erheiterung der Arbeitslosen
Braucht das Land mehr Patriotismus? „Du bist Deutschland“, spottete es durchs Land zu Beginn einer 30 Millionen teuren Aktion. Möchten Sie von Leuten geduzt werden, welche positiv denkende Millionäre, die fröhlich ihren Wohnsitz verlegt haben, um dieser Gesellschaft Steuern vorzuenthalten, auf die Arbeitslosen loslassen, um diese auf Hartz V bis VII vorzubereiten? Natürlich muss der Millionär nicht glücklich sein, aber die Voraussetzungen sind besser.
Initiatoren dieser Kampagne sind offensichtlich die Kreise, die den neuen Götzen Neoliberalismus anbeten, der ihnen Profite und die Aussicht auf eine Tagelöhner-Gesellschaft verheißt. Und dabei allen Ernstes behaupten, „Die Kampagne ist überparteilich und politisch unabhängig.“ Könnte also auch von einer Arbeitsloseninitiative stammen. Haha. Spätestens da wendet sich der Aufgeklärte mit Grausen ab. Hier schwelt die Glut nach einem neuen Patriotismus. „Wir müssen Schluss machen mit Unsicherheit und Verzagtheit.“ Wer Deutsche in Arenal erlebt oder Oliver Kahn im Interview, die Essers in Siegerpose oder die „Peanuts“-Bänker, die Schäubles, die Pfahls oder die VW-Offerten für Manager, kommt nicht auf Verzagtheit. Der weise Schopenhauer war zum Glück nicht verzagt genug, um festzustellen, dass der größte Tropf, wenn er gar nichts hat, auf das er stolz sein kann, keine Leistung, keine Anerkennung, keinen Besitz, sein Heil in dumpfem Nationalismus suche.
Natürlich geht diese Kampagne gegen die Denker, gegen die Kritiker, gegen die Menschen, die sich dem penetranten Repetieren der Wachstumsfloskeln als allein selig machende Lösung verschließen.
Fünf Millionen Arbeitslose – und das ist ja eine manipulierte Zahl – dürfen sich nicht beschweren über verfehlte Planung, Ignoranz des Markts und Fusion anstelle von Innovation. Herr Jauch ermahnt: „Jammern wird mit der Zeit langweilig. Und alles immer auf die Verhältnisse, Staat oder Gesellschaft – oder irgendwelche finsteren anonymen Mächte (Jauch kommt mit diesem Gedanken auch gut bei der Scientology an) zu schieben bringt keinen weiter.“ Nein, lieber den Werbe-Fritzen machen und an alle Produkte glauben.
Dabei ist das Jammern in unserem Land die einzige Charakter-Eigenschaft, die alle Kreise vereint. Die Rentner, die Lehrer, die Arbeitslosen und die Unternehmer, die nicht genug subventioniert werden und jammernd drohen, ins Ausland zu verlagern. „Geht doch nach drüben!“, möchte man ihnen zurufen; dann sind wir diese Jammerlappen schon mal los. Es verging doch keine Woche im letzten Jahrzehnt ohne die Klagen der Industrie-Vertreter, Wirtschaftslobbyisten, Arbeitgeber-Verbände.
Wie verzweifelt die Texter der beteiligten PR-Agenturen waren, beweisen Sätze wie dieser: „Dein Wille ist wie Feuer unterm Hintern.“ Oder: “Wir sind 82 Millionen. Machen wir uns die Hände schmutzig. Du bist die Hand. Du bist 82 Millionen.“ Wahnsinn, erst waren wir Pisa, dann Papst und morgen die ganze Welt? Toll ist auch, dass diese Dummsatz-Sammlung „Manifest“ genannt wird. Ein Manifest mit Fragen: „Wieso schwenkst du Fahnen, während Schumacher seine Runden dreht?“ Ja, das hab ich mich auch schon gefragt.
Hurra-Patriotismus ist häufig der Anfang einer Epoche, die mit klaren Feindbildern abschließt. Sparen wir uns das besser.
Unser Land braucht nicht mehr Patriotismus, sondern mehr Verantwortung bei den Leuten, die beauftragt sind, unser Zusammenleben zu organisieren.