Nun, da sich langsam Ernüchterung breit gemacht und das Symbol neuer deutscher Wertschätzung konsequenterweise abgedankt hat, sollten wir noch mal zurückblenden.
Erinnern wir uns nur an die Hatz der Bayern, als Kahn in die Schranken verwiesen und ihr Einfluss (der Maier-Sepp) minimiert wurde. An die Hetze der Bildzeitung und ihrer Büttel, die jeden Erneuerer und Unkonventionellen abstrafen, falls er sich als unabhängig erweist. An die Schande von Bundestagsabgeordneten, die allenfalls in der Lage sind, ihr Köfferchen ins Parlament zu transportieren, aber schon mit der Organisation eines Brauereibesuchs überfordert sind, wie sie allen Ernstes Klinsmann nach der Italienniederlage vor ihr Gremium zerren wollten …
Wer das vergisst, ist blöd, und das ist Klinsmann gewiss nicht. Und er weiß, was viele deutsche Fußballfans im nationalpatriotischen Taumel verdrängt haben: Im deutschen Spiel fehlt der Genius. In Deutschland erscheint kein Rooney oder Theodore Walcott (17), kein Christiano Ronaldo, kein Lionel Messi, kein Arjen Robben oder Robin van Persie, Spieler, die bereits mit 20 Jahren Verantwortung und Brillanz verkörpern. Und es sind auch keine in Sicht. Deutschland hat mit seinem Material den Zenit erreicht. Ein kampfkräftiges Team mit perfekten Handwerkern wie Frings(!) und Metzelder, Klose und Lahm; aber manche Spitzenspiele werden durch ein Genie entschieden. Es sei denn, man ist Italiener (siehe PS). Da reichen immer noch die alten „Tugenden“. Beweis unseres Mangels an grandiosen Talenten ist die Überschätzung eines Ballacks, das endlose Nachplappern des falschen Prädikats „torgefährlichster Mittelfeldspieler der Welt“. Was für ein Blödsinn. Das war doch nun gut zu erkennen. Im Italien-Spiel war Ballack faktisch nicht vorhanden. Und in Chelsea wird er Tränen vergießen.
Seien wir froh, dass Klinsmann uns gezeigt hat, was man alles erreichen kann - auch ohne großes Talent. Genau das braucht unser Land.
PS: In Sachen Azzuri. Und wieder ist das Urteil über die korrupten Vereine (aus deren Titeln die Spieler sehr wohl Nutzen und Antrieb ziehen) verschoben worden: So verkommt die Jubel-Arie zur Amnestie.