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Rebell oder Untertan
Vive la France
Schild's Wochenkolumne
In Frankreich lebt die Solidarität. Drei Millionen Menschen auf der Straße im Kampf um ihr Recht. Undenkbar im Land „Der Untertan(en)“ (dt. Schlüsselroman von Heinrich Mann). Das ist nicht nur  Ausdruck des Temperaments, sondern vor allem Ergebnis des intellektuellen Lebens. Während in Frankreich immer die Entwicklung der Gesellschaft diskutiert wird und  zwar öffentlich, weniger in Talkshows, sondern in Zeitungen, im Betrieb, in der Uni, auf dem Markt, gefallen wir uns in der von der Dummdeutsch-Kampagne entfachten WM-Nationalhysterie. So hält man die Leute still. Und weiter wird das System verändert wie schon seit Jahren. Eine Arbeitgeber-Kampagne zersetzt den Sozialstaat seit mehr als einem Jahrzehnt mit permanenten Vorstößen  (Feiertagsvernichtung, ausgedehntere Probezeiten und bald wohl 10-Cent-Jobs und Widereinführung  der Kinderarbeit) dank Unterstützung der Gefälligkeitsjournaille. Der Presse, die der CDU zur letzten Wahl locker 48 Prozent propagierte. Völlig ungeniert mokierte sich Frau Kronzucker (dank des Nepotismus’) kürzlich im Nachrichtenblock (!) über Verdi’s Streik. Das geht und wird gern gesehen. Weil sich hier im Gegensatz zu Frankreich die deutschen Intellektuellen nicht empören.
Da ist kein öffentlicher Streit, da wird keine Entwicklung in Frage gestellt. Jeder scheint in Ruhe in seinen Medien verdienen zu wollen. Laut Intellektuellen-Ranking für die Zeitschrift „Cicero“ führen der Schriftsteller Günther Grass, der Fernseh-Satiriker Harald Schmidt und der Quasselpapst Reich-Ranicki diese Riege an. Der echte Papst kommt auf Platz 14. Da muss man sich nicht wundern. Nummer Eins also der ewige SPD-Bruder, der von einer Peinlichkeit in die nächste stolpert. Sogar Leute, die ihren Kredit beim denkenden Publikum längst verspielt haben, sind immer noch nicht abgestiegen. So Enzensberger (Rang 11), der in Sadam den Wiedergänger(!) Hitlers erblickte und so von der Protestromantik direkt in die Kriegsromantik konvertierte. Spätestens da musste man ihn dem Alzheimer-Flügel überantworten. Die ersten 100 Intellektuellen sind im Durchschnitt fast 70 Jahre alt, aber weiter im Amt, denn man überhört sie eh. Kein Disput, kein Angriff auf die Werteentwicklung dieser Gesellschaft – nichts. Sie kämpfen nicht um eine Position, die über fade Talkshow-Präsentationen hinausgeht. Was soll sich ändern, wenn die geistigen Eliten nicht zu Wort kommen wollen? Sic.


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