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Vor dem Raketenstart
Das zweite Gedächtnis
Roman von Ken Follett




Erst zögerte ich, da einem amerikanische Heldentaten momentan zum Hals raushängen – schließlich kann man jeden Tag die Auswirkung der heldenhaften Irak-Besatzung erleben – , doch bereits nach  kurzer Zeit hatte es Follett geschafft, mich in die Geschichte zu zerren. Dass ein Mann sein Gedächtnis verloren hat, ist weiß Gott nicht der neuste oder originellste Einstieg und dann spielt die Geschichte auch noch Ende der 50er-Jahre in den Vereinigten Staaten, zu der Zeit nicht der Quell  von Liberalität und Auklärung.

Die Amis standen voll unter dem Sputnik-Schock, dem Beweis, dass die Russen eine überlegene Technik hatten. Schließlich hatten sie nicht den Beistand der deutschen Wissenschaftler um Werner von Braun, die den Amerikanern eine bessere V2 bauten. Alles schien davon abzuhängen, endlich einen Satelliten in den Raum zu bringen. Zu Beginn der Raumfahrt-Artikel beschreibt der Autor detailliert die Rakete, die den Satellit ins All befördern soll.

Just einen Tag vor dem Start wacht Luke in einer Herrentoilette auf, kommt sich  vor wie ein Penner und hat das Gedächtnis verloren. Mit ihm  ein Kumpan namens Steve, von dem er sich schnell verabschiedet. Mit  dem analytischen Verstand eines Wissenschaftlers beginnt er seine Herkunft und seinen Beruf zu recherchieren. Ich verrate hier  so wenig wie möglich, weil Follett es brillant hinkriegt, uns mit dem verfolgten Mann leiden zu lassen. Sein Gedächtnis hat man bewusst ausgelöscht. Luke wird denunziert und muss um sein Leben fürchten. Stück um Stück erfahren wir aus seinem Leben. So hat er sich von seinen geliebten Frauen getrennt, sobald der Nachwuchs gefährdet war. Der einen nahm er übel, dass sie  in der Ungewissheit des Kriegs  sein Kind  abgetrieben hat. Die andere hat sich  heimlich sterilisieren lassen. Wo er doch so  gerne Kinder hätte.

Dass Follett nicht mehr der große Stilist oder Sprachzauberer wird, kommt bei der Übersetzung gut rüber: „Neid wallte in ihm auf – Im Sommer wurde dann geheiratet und  eine lange Hochzeitsreise angetreten – Seine Beschatter waren in ein und derselben Richtung verschwunden.“ Aber Follett meistert einen Spannungsbogen über Hunderte Seiten. Da stören nicht mal die normalerweise dramaturgisch nicht sehr kompatiblen  Rückblenden, die Lukes Leben am Ende von High School, Krieg und Studium beschreiben. Seine damaligen Freunde bestimmen auch jetzt entscheidend sein Schicksal. Seine “Lieblingsfrauen“ und besten Freunde  waren beim amerikanischen Geheimdienst OSS, dem Vorläufer der CIA. „Ein Geheimdienst kann sich eben alles erlauben, dachte Antony mit grimmiger Zuversicht.“ Follett ist durchaus kritisch. Am Beispiel Guatemalas zeigt er die menschenverachtende Politik von Pentagon und CIA auf, die sich bis heute gehalten hat. Wirklich spannend.

Ken Follett: „Das zweite Gedächtnis“, Bastei Lübbe, 448 Seiten, 9,90 Euro


Jürgen Schild



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