Letzte Woche erhielten die Sympathisanten von TotGrün die amtliche Quittung für ihre Naivität vor der letzten Schröder-Wahl. Eigentlich war alles klar, aber der „Spiegel“ klärte nochmal.
Ein Titel (Die Agenten von Bagdad) über die deutsche Hilfe im Irak-Krieg, aufgehängt an zwei BND-Agenten, pikanterweise mit dem Logo des Bundesnachrichtendienstes versehen. Wie gestempelt, genehmigt und beglaubigt. Doch was soll das jetzt noch? Die Quintessenz war LeserInnen dieser Kolumne von Beginn an bekannt: Deutsche Geheimdienste arbeiteten mit den Amis zusammen, die Militärs lieferten Logistik, Material und Flankenschutz und erleichterten somit auch den Transport in Foltergefängnisse. Dass der „Kronzeuge“ Curveball (Der Erfinder der Mär von Sadams mobilen Labors zur Bio-Waffen-Produktion) eine von den Deutschen entdeckte und untertänig feilgebotene Quelle war, die nie verifiziert wurde, vollendet die Farce. Dieses Märchen inspirierte Powell zu Lügen vor den Vereinten Nationen. Das Pentagon lacht sich jetzt noch ins Fäustchen.
Warum kommt das Magazin (das Nachrichten-Beiwort sparen wir uns mal) jetzt damit? Alibi für verpassten investigativen Journalismus? Die Recherche hätte spätestens einsetzen müssen, als Schröder 2003 diffus beim Parlament um Vertrauen in die Geheimen buhlte (“Ich bitte ausdrücklich um Vertrauen in die Sicherheitsorgane …“). Wenn in Deutschland von Sicherheit die Rede ist, drohen Lug, Trug und Demokratieverlust.
Routinierte LeserInnen bemängeln seit langem, dass der „Spiegel“ sich vornehmlich aus seinem Archiv speist. InformationsInzest ist die unausweichliche Folge. Daher auch immer das Gefühl, alles schon mal gelesen zu haben.
Das Drama begann bereits in der Hausmitteilung des „Spiegel“: „… gut zwei Wochen vor dem Ausbruch des Irak-Kriegs …“. Da wabert deutsches Erbe durchs Hirn, wonach geplante Angriffskriege irgendwie ausbrechen. Die Kollektivrecherche des Aufmachers von 10 (in Worten: zehn) Journalisten war so zehrend, dass die wackeren Autoren die CIA-Zentrale Langley in Langeley umtauften. Das ist toll. Nach wahrscheinlich 15 Lesungen (10 Autoren, Ressortleiter, Chef vom Dienst, Chefredakteur und Hauskorrektur) des Artikels. Dies ständige Mokieren über die zweifellos lächerliche Rechtschreibreform kommt komisch, wenn weder die alte noch die neue beherzigt wird. Auf welchem Niveau das Magazin schwebt, unterstreicht auch die Nennung des thailändischen Premiers mit Vornamen neben seinem Bild. Demnächst lesen wir von Bundeskanzlerin Angela.
Es gibt schicke Blüten wie „Image Schröders als Friedenskanzler“. Wer das noch aufs Papier bringt, nach den Bomben auf Belgrad und dem Einsatz in Afghanistan, ist beneidenswert. Das struckdumme Wort „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt.“ korrespondiert da als Glanzpunkt der Lächerlichkeit. Kaum hat man sich wieder gefasst, wird man vom Besinnungsaufsatz „Legenden vom Tigris“ gefesselt. Wenn man von Nachrichten zu Legenden kommt … Der Vorspann von „Sex and the City“ ist spannender. Der „Spiegel“ ist nicht nur dünner geworden – auch flacher.
PS (noch ein Schwank): Beim ersten Spekulationsaufmacher des Jahres (nein, nicht Sauriersterben, sondern Pharaonengeschichten) zum Thema „Wann erscheint der Pharao?“ folgt nach seitenlangem Schüren einer Spannung der Verzweiflungssatz: „Aber was soll’s.“ So meldet sich das Unterbewusstsein des leidenden Journalisten. Später kommentiert er gefühlsstark: „Doch herrje!“ Auch hier wieder Fehler wie „… jene kahlrasierte Kultpriester …“. Aber wir blättern unverdrossen weiter ...