Bekenntnisse
Hure
Frauenroman von Nelly Arcan
Eigentlich sind die Zeiten vorbei, da man sich von einem Reiztitel dieser Art beeindrucken lässt. Und so musste Schriftsteller-Kollegin Catherine Millet (Das sexuelle Leben der Catherine M / Goldmann) herhalten: „Nelly Arcan besticht durch ihre scharfsinnige Darstellung der Sexualität, die sie ...in wunderschönen Metaphern zum Ausdruck bringt.“ So wunderschön scheint es das Ex-Callgirl nicht zu empfinden, gestand sie doch, „sie könne es kaum ertragen, aus ihrem Buch öffentlich vorzulesen, weil der Text so abstoßend sei“. Das find ich nicht.
Die Doppelexistenz als Studentin und Hure in Montreal impliziert Spannung, doch Arcan’s Schilderungen ihrer Passion geraten häufig in eine Rechtfertigungsmasche, die viel von ihrer literarischen Qualität nimmt. „...ich studiere , um hübsch zu sein, um zu den Studentinnen zu gehören, die noch nicht Frau und angeblich sehr erregend sind ... zu wissen, wie man die Professoren scharfmacht ... man muß sie aufreizen wie kleine Lehrmädchen, die mit dem Po wackeln...“. Im Prolog bekennt sie das „Fehlen einer fortschreitenden Handlung“, dass ihr Report aus Assoziationen, also immer neuen Wiederholungen bestehe. Keine Dialoge, keine direkte Rede. Klischees zuhauf, soe den Analytiker als einzige Lieve zu imaginieren. Ein Gefühl von beeindruckender Authentizität ist der Hass auf ihre Mutter. Daraus speist sich ihre zentrale Allegorie der Larve, als Symbol fürs Weibchen und die „verdammte“ Anspassung. Sinniert sie über ihre Freier, so schafft sie es nicht immer, sie zu einem Einzigen zu verschmelzen, „die Verkürzung dieses Mannes auf seinen Schwanz“. Sie schwankt zwischen Ekel und Elend, will den Freiern, um sie zu degradieren, die Scheine vorzählen, und assoziiert ihren Vater als potentiellem Kunden.
Das Buch (vom Verlag als Roman definiert) behandelt Sprache als Analyse und Therapie aus der Sicht einer Frau, die jeden Delektierungsansatz von vornherein ausschließt.
Nelly Arcan: „Hure“; C. H. Beck, 191 Seiten, geb., Euro 19,90
Jürgen Schild