Die Tricks der Verlage (Sep. 2003)
Die Buchmesse zeigte Aufschwung-Tendenzen. Allerdings musste man dafür auch erstmals am letzten Tag verkaufen. Die Bücher-Verlage beobachten neidisch die Tonträger-Industrie, deren Innovation gegen Null geht, die aber dank der kreativen 60er und 70er Rockgiganten, ihren Kunden mittlerweile dasselbe Werk auf dem dritten Tonträger, der DVD, offeriert. Wer durch Buchläden schlendert, wird über kurz oder lang mit merkwürdigen Methoden konfrontiert, die dem Marketing-Druck geschuldet sind.
Das Kultur-Memo
Remakes sind ja bei vielen Filmen schon der Horror. Dass aber eine globale Reihe wie die Metro-Ausgabe des Unionsverlags uns alte Schinken serviert, ist bitter. Und dann rückt auch schon mal der Copyright-Vermerk, an dem man in jedem Buch die Erstausgabe im Original und in der Übersetzung erkennen kann, verschämt ans Ende des Buchs. Mehrfach-Verwertungen bei Giuseppe Fava’s „Ehrenwerte Leute“ von 1975, bei Beck & Glückler schon 1990 erschienen, „Coltmorde“(1980) von Geerearts ist 1990 bereits im Aufbau-Verlag erschienen. Da wird Masako Togawas „Schwestern der Nacht“ von 1963 (!) angepriesen, ein Buch, das bereits 1990 als Taschenbuch bei Goldmann erschienen ist. Und dann noch von derselben Übersetzerin. Welch eine verlegerische Leistung. Wir applaudieren. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Dazu der Verlag: „Neuausgaben wichtiger Bücher möchten wir deswegen nicht als »Retro« verstanden wissen - wir wollen einfach unser kulturelles Gedächtnis nicht verkommen lassen. Deswegen machen wir natürlich mit Masako Togawa weiter: »Trübe Wasser in Tokio« stammt aus einer etwas späteren Schaffensphase der japanischen Großmeisterin; der Roman erschien erstmals 1976 mit dem Titel Fukai Shissoku.“ Statt Schriftsteller und Neuausgaben zu pflegen, pflegen sie unser Gedächtnis. Danke. Die Leser wollen neue Sachen lesen und kriegen alte untergejubelt. Helen Zahavi’s „Schmutziges Wochenende“ erschien auch schon 1991 bei Goldmann. Und weshalb die Wiederauflagen? Der Verlag spart u.a. den Lektor. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.
Der Suhrkamp-Verlag hat so seine Top-Autoren wie den geschätzten Cees Noteboom. Da reicht es dann, wenn der Populärphilosoph Rüdiger Safranski, dem wir eine ausgezeichnete Schopenhauer-Biographie verdanken, behauptet, dass er aus dem Buch „Philip und die anderen“ von Noteboom vorgelesen hat, wenn er verliebt war.
Zack und schon wieder was aufgewärmt, offiziell verdankt der Verlag den Hinweis der langjährigen Übersetzerin. Und sie hat’s wieder gemacht. Neuausgaben sind legitim, auch außerhalb kompletter Neu-Editionen. Aber man soll doch nicht so tun, als wäre das eine verlegerische Großtat. Indes pflegen die Rechte-Inhaber das Werk ihrer Toten nicht unbedingt. Oder haben Sie schon mal was vom Werk Jean Ray’s (bei Suhrkamp 1986 ers.) gehört, einer Koryphäe auf einer Stufe mit Poe und Lovecraft? Letzterer hätte auch eine wohlfeile Ausgabe verdient. Zum Glück kümmert sich der Festa-Verlag liebevoll um das Umfeld-Werk.
Olle Kamellen
Immer wieder gern genommen auch die Olle-Kamellen-Variante, die Jugendwerke eines aktuellen berühmten Autors vertreibt, ohne dies kenntlich zu machen. So im Falle Jeffery Deaver, dessen 1989 erschienenes „Manhattan Beat“ unlängst von Rotbuch veröffentlicht wurde. Wer also hochaktuelle Romane lesen will, sollte sich immer die Mühe machen, mal das Copyright zu überprüfen.
Ein netter Trick ist es auch, dem Leser vorzugaukeln, er kaufe einen Roman anstatt Erzählungen nach dem Prinzip der „Russendisko“. So brachte man prompt zum Film das Buch „The Minority Report“ heraus. Es war nicht ersichtlich, dass dies eine kleine Geschichte ist, die mit einem Dutzend anderen im Buch veröffentlicht wurde. Das Cover assoziierte einen Roman. Und all die Leserinnen, die nicht wissen, dass der brillante Autor Philipp K. Dick so gehaltvolle kleine Geschichten schrieb, aus denen dann große Filme entstanden (so u.a. Blade Runner und Totall Recall)· haben zugegriffen, weil sie den Roman, die große Form, wünschten. So auch bei Metro’s “Fengshui Detektiv“, der auf dem Backcover als “Die neueste und heißeste Krimi-Sensation von London bis Melbourne ist das Detektivpaar C. F. Wong und Jo McQuinnie.“ verkauft wird. Es sind “nur“ Geschichten.