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Starallüren (Mai 2002)
You‘re so vain
Prollis und Promis

Die Vorstellung, man könne einen Rockmusiker oder eine Moritatensängerin einfach so bei der Ausübung ihres Berufs zum Zwecke der Information ablichten, gehört ins Reich der Fantasie. Bon Jovi reklamiert das Copyright der Fotografen, die ihn oder seine Band ablichten. Bei Meret Becker war Blitzen verboten, damit sie sich nicht erschrecke. Da lob ich mir Naomi Campbell, die sich nicht mal für die Auswahl ihrer Fotos interessiert. Das ist die Souveränität wahrer Schönheit.

 

Bei einem Konzert wird den braven Fotografen erlaubt, irgendwelche Posen während der ersten drei Nummern zu fotografieren und Schluss. Bei ihrer letzten Tour waren die Pet Shop Boys während der ersten Nummer gar nicht auf der Bühne. Fotografen haben’s nicht leicht. Schon Vico “Schmelz” Torriani verbat sich Bühnenfotos von unten, da er seine Nasenlöcher nicht attraktiv fand. Dekaden  später erntete die kreative Hera Lind auch noch Applaus, wenn sie  bei einer Lesung(!) die gleiche Forderung stellte.

 

Kanzlers Haar

Zu Beginn der Karriere haben viele wahrscheinlich den Hals ekstatisch verrenkt und sich ein Jenny-Spirale zugelegt,  um in den Weitwinkelbereich des Kameraobjektivs zu gelangen. Das ist auch im Lokaljournalismus so. Wenn ich früher auf Termin im Gewühl stand, bat ich den Fotografen, doch mal zu blitzen und prompt bildeten sich Gassen, die die Lokalpromis durchpflügten.

Das Management von Lou Reed soll sich erdreisten, Journalisten zu

verpflichten, keine Fragen  über Lou Reeds Privatleben zu stellen.

Wer Lou Reed interviewen will, muss sich also nicht sonderlich vorbereiten. Über seine Drogenkarriere darf man ihn nicht befragen. Über Velvet Underground nicht, über seinen Ex-Musikerkameraden John Cale schon gar nicht. Was bleibt? Ach ja, die aktuelle Platte und sein Hund.

 

Diese Star-Allüren, sind natürlich nicht auf Musik begrenzt. So wissen wir von Boris Becker, dass er sich ans Telefon hängt, wenn ihm ein Bericht oder Kommentar nicht gefällt. Und unser ewig grinsender Kanzler? Palästina brennt, unser Land versinkt im Korruptionssumpf, die USA nehmen dem Weltfrieden jede Chance und was macht Gerd? Er klagt gegen eine Presseagentur, die das Gerücht über seine Haarfärbung auf genommen hatte. Ist doch erhellend, wenn jemand sein wahres Gesicht zeigt.  Das reicht schon, ihn abzuwählen.

Madonna hatte ihre Bekannten und Freunde eindringlich gewarnt, man könnte auch sagen: bedroht, dem Autor ihrer Biographie gewisse Auskünfte zu geben. Entsprechend schlaff fiel das Werk aus. Sogar der brillante Kabarettist Volker Pispers mag kein Interviews, weil ihn konventionelle Fragen nerven.   Er verweist auf sein Programm. Es sollte man auf die Jethro Tull Website gucken. Dort beantwortet Ian Anderson 20 konventionelle Fragen und spart somit sich und Journalisten Zeit fürs Wesentliche.

 

Existenzkrise

Man stelle sich vor, man würde gewisse Leute ignorieren, deren Bekanntheitsgrad vom Maß der Verluderung abhängt. Wenn ab morgen keiner mehr über die Schwangerschaftsdarstellerin Elvers  schreibt oder den hochstirnigen Lauterbach ablichtet oder Susan Stahnke nicht mehr nach nem fiktiven Dreh fragt, startet die Identitätskrise. Dann hilft den Damen nur noch das Anmachen eines wesentlich älternen Solventen, der publicitygeil ist. Falls auch nur Spurenelemente von Dieter Bohlens Worten stimmen, dann hat Tränenproduzentin Verona Blubb den Ausstieg aus der Verbindung akribisch geplant und dokumentiert.

Oder denken wir an Publikumsliebling Kreuzberg, der früh aus dem Osten kam, um hier Geld zu verdienen. Wenn dem Benz-Bediener anscheinend jemand die Vorfahrt nimmt, poliert er ihm die Fresse. Sein Schauspieler-Kollege, der kleine Macho Peter Strohm (hab den richtigen Namen vergessen), hat es einer Frau gezeigt, obwohl sie’s gar nicht wollte. Und drohte dann noch mit der Republikflucht im Falle einer Verurteilung. Ich war erschüttert, als ginge uns ein Brandauer flöten. Den mag Klein-Strohm übrigens nicht. Klar, der ist halt um Längen besser – stilistisch und menschlich.

 
 
Stimmen mit Dolly

Auch die neuen Lichtlein wollen glänzen. Heidi Klum, eben mäßige (ne halt, das schreibt man ja zusammen) Dessous-Ständerin, lässt ihren Manager-Vater bei Interview-Anfragen auf eine Simone S. verweisen, damit der Journalist nicht mehr selbst schreiben muss. Simone scheint auch Heidis Website zu verantworten und empfiehlt, Heidis Label zu besprechen/beschreiben. 

Wie bedeutend ein Star auch für fade Politiker ist, zeigt sich in Wahlkampfzeiten, da die FDP Container beschickt und nun die Porno-Königin Buster zu einem Werbespot bewog. Die hatte euphemistisch die Liberalen zum geringsten Übel erklärt. – Der Autor dieser Zeilen ist konträrer Meinung.– Im Werbespot hauchte die Vollbusige, die übrigens bekannter sein soll als Schröder, ins Mikro des Bundestag-Rednerpults: “ Denken Sie auch drei Mal am Tag an Sex? Dann bitte auch an 18.” Ja, das ist die Kultur, die unser Land vom Dichten und Denken hat. Assoziationen der verkrampften Art. Form über Inhalt.  Die Partei hat allerdings wieder Abstand genommen, obwohl der hessische Juli-Vorsitzende  Räntsch beteuerte, Dolly hätte hervorragend (!) zwischen die Galionsfiguren Möllemann und Westerwelle gepasst. Ich bin abschließend der Meinung, dass Frau Busters Profil wesentlich überragender als das der Liberal-Darsteller ist.  



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