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Lady or man (Feb. 2001)
Die Kathoey von Phuket
Schöner geht’s nicht

Aufgenommen im Nachtdistrikt Patong

    

Auf der thailändischen Touristeninsel Phuket kocht das Nachtleben. Attraktion aller Fleischbeschauer und Nachtschwärmer sind die Bargassen Soi Kathoey und Soi Eric am Rand der Bangla Road in Patong. Dort erlebt man eine Performance der besonderen Art. Die Stars der Nacht sind wunderschöne Frauen, die die meisten Thailänderinnen um Kopfeslänge überragen – die Kathoey.

 

Als ich Hot zum ersten Mal sah, beschlug meine Linse. Wir waren nach einigen Tagen abendlicher  Besinnung zur Bangla Road aufgebrochen, ins brodelnde Nachtleben. Der Taxifahrer entlud uns vor einer kleinen Bühne, die das offene Ende einer Barbuden-Gasse krönte. Die Kurven, die  näher zu beschreiben uns den Verfassungsschutz auf den Hals hetzen würde, waren rasanter und aufregender als jede Achterbahn. Stellen sie sich Grace Jones nach einer Weiblichkeitsinfektion vor, cremiger, samtiger, verlockender.

 

Sex pur

Der Blitz meiner Kamera implodierte mehrfach vor Scham. Sie rekelte sich auf einer Theke, dass ich im Vorbeigehen beinah was verschüttet hätte. Minimalistisch bekleidet, ein paar Textilfasern präsentierten sie schärfer als nackt. Hochgezogene Wangenknochen, Liliennase, hohe Stirn, große Augen und die diese feinsinnigen Konturen betonende Kurzfrisur. Bei späterem  optischem Sezieren fielen allerdings leichte Schwellungen  oder Unterfutterungen auf, die dem stolzen Körper einen überflüssigen Hype aufdrückten.

 

Schnipp

Natürlich ist diese Szene die Attraktion im wahrhaft nicht bescheidenen Nachtleben Patongs.  Die Stehtische zwischen den Bargassen sind proppevoll. Immer wieder kommt es zu unglaublichen Szenen, wenn Ladymen sich als Reaktion auf verächtliche Gesten oder Bemerkungen zu Entblößungen und Verrenkungen hinreißen lassen, die den mittleren Tatbestand der öffentlichen Kopulation erfüllen. Zumindest simulieren sie solches. Potenzielle Kunden sollen vorfühlen, wozu sie in der Lage sind. Wir können allerdings davon ausgehen, dass fast die Hälfte der umworbenen und häufig begeisterten, überwiegend  älteren, Männer nicht ahnen, welche Geschlechtsumwandlung das Objekt ihrer Begierde hinter sich hat. Als wir uns bei Charly, Typ Kumpelfrau in Jeans und Cowboyhemd, erkundigen, schnippt sie angesichts Hot zwei Finger auf Höhe ihrer Schenkelzuflucht: ”Cut one year.” (Anglistisch Gebildete ersetzen bitte ”ago”). Vereinzelte  in dieser Szene tragen zwar noch so lästige Anhängsel mit sich herum , sind allerdings geistig längst auf dem Weg zum Chirurgen. Falls sie nicht von der Natur oder ihrer genetischen Struktur zum Busenanbau prädestiniert sind und Hormone verschmähen, behelfen sich viele mit einer Operation. Arbeitslosen Schönheitschirurgen sei Phuket empfohlen. Der Preis für den Busen 8 000 Baht (etwa  500 DM), sozusagen kaufkraftbereinigt. Genau das, was den thailändischen Frauen an der klassischen Modellstruktur fehlt, sind ein paar Muskeln. Und die besitzen die Kathoey natürlich.

 

Unverschämtheit

 

Thailand ist ein auffälliges Land, was die sexuellen Freizügigkeiten anbelangt. Prostitution ist Tradition. Durch die Verbreitung  der militanten Amerikaner in Asien wurde diese Tradition exzessiv in die Öffentlicheit getragen. Recreation nannten sie das. Sie hatten ihren eigenen Bezirk in der Petchburi Road. Lange Zeit hieß es, Prostitution sei nur in Bangkok erlaubt. Es hielt sich kein Mensch dran. So manch thailändisches Girl, das bis dato mit dem Lohn für Abwasch  zufrieden war, stellte plötzlich fest, dass GIs leicht zu melken waren. Immer mehr Mädchen wurden in die Rotlichtbezirke verfrachtet.  Anfang der Neuziger behaupteten die Thais unverschämter Weise, sie hätte gut 2 000 AIDS-Infizierte. Apropos unverschämt. Zur gleichen Zeit wurde Madonna der Auftritt verweigert  wegen  akuter Jugendgefährdung.

 

Performance

Go-Go-Girls dürfen nur in geschlossenen Räumen ihre Hüllen fallen lassen. In Patong auf Phuket herrschen jedoch Sodom und Gomorrha oder wie das obszöne Ehepaar noch hieß unter freiem Himmel. Was die Sache für Frauen und Männer so unterhaltsam macht, ist die Performance der Ladymen auf Podest und Theken. Und jede hat ihre eigene Choreografie.

Alice gehört zu den Arrivierten.  Pro Tanzschritt (vom Rhythmus völlig unabhängig) streicht sie zweimal ihr Haar, die konventionelle schwarze Thaimähne, hinters Ohr. Während ihr langes Kleid, kriminell geschlitzt, den anmutigen Körper fließend umspielt, bietet ihr Dekolleté genügend Raum für diverse Präsentationen. Gierig rauchend macht sie nicht den vornehmsten Eindruck, was jedoch ihre Figur nicht anficht. Am ersten Abend strahlte ich Alice aus der Menge in vierzehn Metern Entfernung an.  Ich mache das in Asien aus Höflichkeit. Kaum hatte ich meinen Mund wieder in eine Trinkposition gestülpt, stand sie vor mir, schob mir ihre ihre zierlich  gebogene Hand entgegen und stellte sich sonor vor: ”I‘m a lady-man.” Ich fragte prompt zurück: ”Why?”  Stolz zeigte sie im weiteren Verlauf des Gesprächs ihren Busen, der prächtig gediehen schien. Später öffnete sie ihre Achseln und schilderte den Weg des Silikon in ihre Brustmitte. Zwischenzeitlich ließ sie auch einen Blick ins untere Fach zu.

Wie in jeder Gruppe, so hat auch diese Szene Stars und Arbeitstiere. Ihr offizielles Geld verdienen sie als Fotoobjekte. Sobald ein Blitz aufleuchtet, schießen sie herum, um den Auslöser zu ermitteln und die üblichen 100 Baht (2 EUR) zu kassieren. Falls ihnen der Knipser gefällt, posieren sie noch mal. Um solche Deals vorzubereiten schlagen sie sich völlig ungeniert den Rock vom Schenkel, zeigen ihre Weiblichkeit .

 

Die Nachtstars

Die Kathoey dürfen sich auch unter freiem Himmel entblättern und machen je nach Laune und Erfolgsausssicht reichlich davon Gebrauch. Kimono, so nannten wir die Schwarzhaarige,  trug nichts als eben diesen, schritt apathisch durch die Menge und lüftete völlig ungeniert bisweilen ihr Kleidungsstück. Die meisten halten sich für so schön, dass sie sogar auf die konventionellen Kontakt-Riten verzichten. Sie würden auf jedem Catwalk Karriere machen. Nina, häufig zwischen Bangkok und Phuket wechselnd, eine der bestangezogensten  Hyperschlanken,  fiel durch eine gewisse Nervosität auf.  Schlank wie die Stange, an der sie zuweilen  hangelte, nestelte sie an einer schmalrandigen Brille und zog ständig ihre Hose bis zum Ansatz herunter.  Ihre Augen besitzen den Starrblick, der es ihr ermöglicht, ruckartig den Kopf beim Blitz zu wenden. Ohne den Augenmuskel zu bemühen.

Strahlen und Lebensfreude der ausgelassenen Art, herzergreifende Imitation diverser Video-Stars und nächtliche wechselnde Frisuren zeichneten Nathalie aus. Ein Mund, gegen den Mick Jaggers Fressöffnung bescheiden wirkt. Angesichts dieser Ausmaße mag schon manchen Mann eine gewisse Bedeutungslosigkeit überkommen sein. Apropos Kunden. Und geradezu sittsam gestresst trotz allen Überschwangs. Nathalie beobachten heißt am Spaß teilhaben. Die Meisten leben und lieben ihre Performance. Und wenn sie mal wieder von einem Europäer zum schicken Essen genötigt werden, kaschieren sie ihre Langeweile nur mit Mühe. Meistens findet man sie zwei Stunden später wieder – auf der Bühne ihres Lebens.




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