Jeder Patient, ja, jeder, der mit unserem Gesundheitssystem in irgendeiner Form konfrontiert wird, sollte dieses Buch lesen, bevor er einen Schritt über die Schwelle eines Mediziners oder einer Apotheke setzt. Wohlgemerkt, dieser Thriller ist spannend, unterhaltsam und weiterbildend. Aber wer Schorlaus Arbeit kennt und schätzt (denken wir nur an die brillante „Lösung“ der Skandale um Bad Kleinen und das Rohwedder-Attentat in Die blaue Liste oder die Perversion der Waffenproduzenten in Brennende Kälte), weiß, dass all die Fakten, die er für seine Dramaturgie verwendet, aus dem Leben stammen. Dass wir verarscht werden, ahnten wir schon, wenn ein Rösler den Mund aufmacht. Doch wie traditionell und zementiert das Gesundheitssystem ist, wie ausssichtslos eine gesunde Versorgung bei den wirklich Kranken erscheint, ist erschreckend. Nicht umsonst gestand der Autor nach seiner 2jährigen Recherche: “Ich stehe immer noch unter Schock.“ Und wenn es so weit ist, dass die Pharmaindustrie bereits Selbsthilfegruppen unterwandert (mittels IT-Sponsering etc), um ihre Medikamente quasi direkter an den Patienten zu bringen, auf dass die Patientenschaft den Arzt, falls dieser einer jener aufrechten Mediziner sein sollte, die sich nicht kaufen lassen, unter Druck setzt, dann gnade uns Gott (aber nicht in Weiß).
Wagt man eine Kernthese (na, liebe Kinder, was haben wir denn heute gelernt?), so zwingt sich der Schluss auf, dass unser Gesundheitssystem so marode ist, weil es der Pharmaindustrie einen Profit sichert, der ansonsten nur noch mit Drogen- oder Waffen-Verkäufen zu erzielen ist. Welche Branche erwirtschaftet schon eine Umsatzrendite von 40 Prozent?
Genug der Empörung. Ex-BKA-Ermittler Georg Dengler wird mit der Verteidigung des der Kinder-Vergewaltigung und Ermordung verdächtigten Berliner Charité-Professors Bernhard Voss beauftragt. Dengler zögert anfangs, da die Indizien wie Spermafunde auf dem toten Mädchen schier erdrückend sind. Der verdächtige Arzt und gesellschaftlich anerkannte Gutmensch, von Frau und Bruder umsorgt, flieht, als er die Aussichtslosigkeit einer erfolgreichen Verteidigung und die Notwendigkeit, wichtige Akten in Sicherheit zu bringen, erkennt. Die toughe Hauptkommissarin Finn Kommareck, deren Vokabular für Verdächtige sich hermetisch im Fäkalbereich bewegt, kommt bei ihren Zugriffen regelmäßig zu spät und nimmt prompt Dengler ins Visier. Als der auch noch verdächtigt wird, taucht er unter, von Olga liebevoll betütert, was seinen Höhepunkt im Unterschlupf bei ihrer Domina-Freundin Marta findet. In einer Parallelhandlung wird ein Pharma-Marketingstratege entführt und mehrtätigen Verhören unterzogen. Zwischendurch erlebt Dengler die hanebüchenen Ungerechtigkeiten im Protest aufrechter Bürger gegen die Polizei, die bei den Demonstrationen um Stuttgart 21 auch mit Eskalationstrupps (agents provocateurs) arbeitet.
So routiniert wie mitreißend knüpft Schorlau am Schluss alle Stränge zusammen, so dass man sich erleichtert zurückfallen lässt, jedoch nicht ohne den festen Vorsatz, seinen Arzt beim nächsten Malz zumindest zu fragen, ob man mit dem Konsum eines Medikaments vielleicht an einer AWB (Anwendungsbeobachtung) teilnehme.
Wolfgang Schorlau: „Die letzte Flucht“, KiWi Paperback, 352 Seiten, 8,99 €
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