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Brockhaus kündigt neue Auflage an
Die Macht der Zeilen
Jürgen Schild über die 19. große Brockhaus-Enzyklopädie in Konkret 09/94

»Jung und zeitgemäß« will er sein, der neue 24bändige Brockhaus. Unser Autor hat sich in ihm umgetan.

(Brockhaus-Verlautbarungen und Zitate aus Lexikon-Artikeln sind in Anführungszeichen gesetzt; gesuchte und gefundene Stichwörter erscheinen »fett«; vermißte »kursiv«.) 

Der grimme Schopenhauer warnte, Brockhaus solle es sich nicht einfallen lassen, ihn zu behandeln wie die »Konversations-Lexikons-Autoren und ähnlich schlechte Skribler«. Mit denen habe er nichts gemein »als den zufälligen Gebrauch von Tinte und Feder«. Friedrich Arnold Brockhaus, Begründer des traditionsreichen Lexikonbetriebs, galt laut Haus-Legende als liberaler Geist. Die Memoiren Casanovas schienen ihm jedoch zu freizügig, was Johanna Schopenhauer (Philosophen-Mutter und Tee-Kumpanin) mit pikiertem Kopfschütten attestierte.

 

Die 19. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie von A (1986) bis Z ist jetzt komplett: 260.000 Stichwörter, 150.000 Verweise, 25.000 Abbildungen auf 17.000 Seiten. Jeder 6. Band enthält aktualisierte Nachträge. Neu sind ca. 10 Prozent der Eintragungen sowie die Rubrik Schlüsselbegriffe, eine Art Zeitspiegel ohne Mode, Sex, Not und Moral. Die 24 Bände kosten 4.752 Mark, pro Band 198 Mark, die Seite für 28, die Spalte für 14 Pfennig – in Farbe, mit Buckramleinen an Halbleder und 23 Karat Goldlettern.  

»Hauptkriterium bei der Auswahl ist zunächst der heutige Bekanntheitsgrad eines Menschen.« Sechs Bände des Gesamtwerks stehen für Biographien zur Verfügung. »Die Redaktion (hat sich) bemüht, möglichst alle die Wörter zu bringen, denen man in Unterhaltungen, in den Medien und in der modernen Literatur begegnet.« Wir wollen sehen.
 

Illustration  

»Das Bild steht grundsätzlich beim Stichwort.« Iwo! Weder auf der gleichen noch auf der gegenüberliegenden Seite. »Keines der Bilder ist Dekoration oder bloße Illustration.« Dali-Bilder finden wir unter dem Meister selbst, unter spanische Kunst und unter Surrealismus.  

Nach welchem Kriterium werden Gesichter veröffentlicht: Wiedererkennungswert, Schmuck, Aktualität oder Fundus? »Selbst das Porträt illustriert nicht die Biographie, sondern vermittelt einen ergänzenden Eindruck.« Geschickt formuliert. Was ist nicht alles zu ergänzen. Eines wäre dem »Jahrhundertwerk« zuzutrauen: Lebende aktuell abzubilden und vor allem eine Datumsangabe der Aufnahme. »Sie erhalten Informationen, die es Ihnen ermöglichen, sich Ihr eigenes Urteil zu bilden.« Das optische Urteil schmeichelt unseren Zeitgenosssen enorm. Ilse Aichinger verjüngt, Achternbusch schwer zu erkennen, Genscher jugendlich wie kaum zu erinnern, Hochhuth konturlos, Paul Newman mit absurd erleuchteter Stirn. H.C. Artmann auf Frischzellenkur. Akzeptabel allenfalls das Lausbubengesicht des fotoscheuen Pol Pot.  

Brockhaus’ eigene Kartographie liefert zig Stadtplan-Segmente. Also, ich kann mir nicht vorstellen, nach Basel Bd. 2 einzuschleppen. Wozu ein Plan von Mannheim, wieso nicht von Barcelona? Warum verschiedene Maßstäbe? Amsterdam 1:20 000, Tokio 1:35 000, Großraum Paris 1:300 000; Hongkong mit Kilometerskala. Da soll mir keiner erzählen, das hätte nichts mit Deko zu tun. Zur Proportion der Erde: Arno Peters hatte mit dem europazentrischen Weltbild aufgeräumt und die paritätische Darstellung aller Länder und Kontinente projiziert. Brockhaus ignoriert ihn, will den eigenen Atlas verkaufen.  

Die Illustrationssucht fällt besonders im technischen Bereich ins Auge. Daß ein Traktor unter Ackerschlepper (Brockhaus »registriert den Sprachgebrauch«) eine farbige Zeichnung zur Erläuterung braucht, geht mir nicht ein. Ebenso die Platzvergeudung Feuerwehr (2 S.) mit drei Löschfahrzeugen, die sich pressemappenmäßig ähneln. 5 Lokomotiven auf gut 3 Seiten (!), 4,5 Seiten Bergbau. Eine Farbseite für Dienstgradabzeichen, eine halbe für Dienstgradbezeichnungen. Die Vernarrtheit ins Militärwesen beschert uns u.a. Großartikel über Gewehre, Geschütze und Maschinenwaffen – so blödsinnig wie die Abbildung von ASU-Plakette und ec-Karte.
 

Fehler  

Fehler im Lexikon? Unglaublich. »Die Fahnenkorrektur ist außerordentlich aufwendig. Alle Fahnen durchlaufen in drei Korrekturgängen das Korrektorat.« Das müßte reichen. Von wegen. Schon im Klappentext steht ein (!) Vielzahl. Montherlant, Graf und Weiberhasser, verändert sich unter seinem Foto zu Montherland. Die Schriftstellerin Le Guin gibt’s auch als LeGuin. Margarethe von Trotta erscheint mal ohne h. Wo kämen wir hin, falls wir diese Schnitzer hochrechneten?
 

Lebenshilfe  

Unter Domina finden wir Stiftsvorsteherin. Femidom fehlt. Spanner sind Schmetterlinge. »Fortbewegung durch ›Spannen‹« ist synchron in Wort und Bild beschrieben. Beschäler ist ein Deckhengst, SM die Abk. für Societas Mariae; S.M. Abk. für Seine Majestät. S/M oder S/M-Szene – Niete. Cybersex existiert nicht im Brockhaus, zwei Seiten Chemie unter Cy..., halt hier: Cyborg, das hat doch was damit zu tun: »in der Futurologie Bez. für einen Menschen, in dessen Körper techn. Geräte als Ersatz oder zur Unterstützung nicht ausreichend leistungsfähiger Organe integriert sind.« Aha. Unter virtuelle Realität lesen wir: »Bezeichnung für eine mittels Computer simulierte Wirklichkeit oder künstliche Welt (›Cyberspace‹), in die Personen mit Hilfe technischer Geräte versetzt und interaktiv eingebunden werden.« Bei virtuell tritt eine feine Sinnmutation zutage, »ursprünglich ›Tüchtigkeit‹, ›Mannhaftigkeit‹« und dann degradiert zu: »nicht wirklich; scheinbar; der Anlage nach als Möglichkeit vorhanden«. Crossdressing, akuter Begriff für Transvestismus, klärt Brockhaus ebensowenig wie Transvestophilie oder Crossover. Die berühmte Transsexuelle Renée Richards, Ärztin und Tennisspielerin, scheint so unbekannt wie der ihr aufgenötigte Barrbody-Test, Abstrich der Mundschleimhaut zwecks Geschlechterbestimmung.
 

Aktualität  

Das Drama AIDS. Inkubationszeit (Bd.1): 2 – 5 oder mehr Jahre; unter Infektionskrankheiten (Bd. 10): 0,5 – 5 Jahre. Im Nachtrag Bd. 6 (Redaktionsschluß April 88) werden Infektionszahlen und Risikogruppen geschätzt, Strategien möglicher Bekämpfung und Diskriminierungen, Impfproblematik und Zweifel am Infektionsstatus thematisiert, »da die durch die meisten Testverfahren erfaßten Antikörper sich erst 6 Wochen, z.T. erst über ein Jahr nach Infektion bilden«. Am Ende der Hinweis auf die zunehmende Bedeutung psychoimmunologischer Faktoren. Im Nachtrag Bd. 12 (März 90) kein Wort mehr über Testunsicherheiten oder Inkubationszeit. In Nachtrag Bd. 18 (März 92) nichts, Bd. 24 (März 94) nur noch Schätzungen.
 

Kultisches  

Werden wir Konkret, »radikalsozialist. Zeitschrift ... hg. von H. L. Gremliza«. Wer steht wo? Mapplethorpe ist keine Zeile Bio. gewidmet, sein Name erscheint unter Akt-Photographie, die »einen Schwerpunkt im künstler. Schaffen bedeutender Photographen« bildete. Leibowitz hab ich auch nicht gefunden. Wie steht’s mit H. R. Giger, dem Gestalter geilgrauser Chimären und Biomechanoiden? Nein, ich such jetzt nicht unter Graphikern, das wird mir allmählich zu albern. Der Designer des ›ALIEN‹ gehört anscheinend ebensowenig zu den »brockhauswürdigen« Künstlern wie dessen Regisseur Ridley Scott, Cameron und Jarmusch. Ich fürchte, »das große repräsentative Nachschlagewerk unserer Zeit« frönt urdeutschen Traditionen in E und U. Kultfiguren ohne Bio: Grace Jones, Vamp-Androgyne, Sängerin und Actrice. Aleister Crowley, Kabbalist, Tarot-Designer und Bergsteiger. R. A. Wilson, Timothy Leary, Chico Mendes, Quentin Crisp, Divine oder Chevalier d’Eon, dessen Verhalten den Eonismus prägte. Topmodels, en vogue in Mode, Industrie und Schönheitskult – nix. Wie anschaulich wäre der Wandel von Twiggy über Iman zu Patitz. Witzigmann, Koch des Jahrhunderts – welch ein Titel aus Frankreich! – Pustekuchen. Die legendärsten Weine der Welt, Romanée-Conti und Pétrus – kein Schluck.
 

Zeilen-Pop  

Kiddies und Skippies (School kids with income and purchasing power) werden sich wundern über den Anspruch »jung und zeitgemäß« ohne Rave, HipHop, Grunge, Groove, Techno. Popgruppen sind Trendsetter. Zählen wir die Zeilen. King Crimson (0). Led Zeppelin (9), Jethro Tull (8), Gentle Giant (10). Die Kreativität dieser drei zusammen reicht nicht an Penderecki (50) oder Janacek (30) heran. Tull entspricht Górecki (8), der neuerdings in den Klassik-Charts spielt. Charts sind »graphische Darstellungen des bisherigen Kursverlaufs und des Umsatzvolumens von einzelnen börsennotierten Aktien«.  

Es wird noch toller, die Pop-Ikonen unserer Zeit – ich such jetzt zum dritten Mal – Prince, Madonna, Michael Jackson (für Vanity Fair der »unübertreffliche Crossover-Künstler«) sind so brockhausunwürdig wie Nigel Kennedy und das Kronos-Quartett. Robert Schumann füllt 2 Seiten, Gattin Clara ein Fünftel dessen. »Klassikern« hängt immer eine Werksliste an, oft auch ein unlesbares Noten-Faksimile.  

Es wird ja in den letzten Jahren »gesampled« wie wild. Also Sampling, »in Statistik oder empirischer Sozialforschung: das Auswahlverfahren« – weiter, Sampler, genauer Sound Sampler, »Geräte ... die verschiedene Schall- oder Klangspektren ... in digitaler Form speichern und wiedergeben können«. Nun zu Zappas (19 Z. inkl. »Bobby Brown«) Komponiercomputer Synclavier. Kein Mucks im Brockhaus, dito Physical Modeling (Echtzeitberechnung physikalischer Vorgänge zur Nachbildung eines Klangs, altbekanntes Verfahren aus der Materialforschung, an dem alle größeren Keyboardhersteller werkeln).  

Sit-In kennt der Brockhaus, Sitcom, die TV-Belustigung unserer Zeit, noch nicht. Komik von Rowan Atkinson, Benny Hill, Monty Python, Otto, Erhardt, Hallervorden ist ausgelassen. Das schnellste Spiel der Welt ohne Protagonisten: Howe, Gretzky, Nedomansky, Jagar, Tretjak und Bure sind vom Eis.
 

Dichter-Lese  

Thomas Mann (1 Seite), Hans Henny Jahnn (20 Z.), Schriftsteller, Orgelbauer und Hormonforscher, dessen Biographie (1986 von Thomas Freeman) in Bd. 11 (90) nicht aufgeführt ist. Sein Werk wird mit Platitüden »schwer deutbar, heftig umstritten, verzweifelte Suche, Utopie, heidnischer Vitalismus« vernebelt.  

Lewis Carroll – »Seine schriftstellerischen Hauptwerke über die Abenteuer der kleinen Alice ... sind klassische Beispiele der Nonsensliteratur.« Dem Redakteur sei Arno Schmidts Essay über die moderne Literatur und ihre Gründerväter empfohlen. Unsinnsliteratur – »literarische Gestaltungen ... die durch absurde Vorstellungen, unlogische Gedankenverbindungen oder bloße Klangspiele verblüffen. Sie ... haben sich besonders seit dem 19. Jahrhundert durch die Werke ... Carrolls literarisch etabliert.«  

H. P. Lovecraft, Poet des Grauens, »literarischer Kopernikus« (Fritz Leiber), Beschwörer der Urängste – zeilenlos. Unheimlich. Wo ist Philip K. Dick, Autor des Blade Runner? Science-fiction beginnt mit Laßwitz, Verne, Wells, Asimov, Bradbury und Sprague de Camp (holla, der Lovecraft-Biograph), weiter mit Adams, Aldiss – potzblitz da ist er: Philip K. Dick als »wichtige]r Vertreter«. Bei Sf-Filmen tauchen u.a. Wells und Verne sowie Dick als Vorlagengeber, Cameron mit ›Terminator‹ und Ridley Scott mit ›ALIEN‹ auf, gefolgt von Enterprise und Raumpatrouille. Fantasy gilt als »Nebenzweig der Science-fiction«. Carroll, diesmal als »Vorläufer oder Begründer der Fantasy« mit »Alice’s adventures« und nochmal als Autor für den Film »Alice«. Phantastische Literatur führt nach 12 Zeilen Definitionsdelirium den Schauerklassiker »Otranto« von Walpole auf, u.a. folgen Hauff, Hoffman, Poe, Shelley, Stoker und wieder Verne und Wells. Später heißt es: »Unter dem Einfluß psychoanalytischer und linguistischer Theorien wurde das Phantastische im 20. Jahrhundert zunehmend als notwendiger kreativer Teil konzeptueller Wirklichkeitserfassung angesehen und zur literarischen Gestaltung visionärer bzw. alternativer Weltsichten eingesetzt, u. a. bei Amery, King, H.P. Lovecraft ...« Makaber, der Horror-Dichter unter ferner liefen.
 

Forscher-Vergleich  

Gesucht sind Alex Jeffries, Erforscher des genetischen Fingerabdrucks, Louise Brown, das erste Retortenbaby, Jim Peebles, Vater des Urknalls, Hacker-Guru Richard Cheshire, Ru 486-Entwickler Etienne Baulieu, Carl Djerassi, Vater der Anti-Baby-Pille.  

Ich vermisse Immanuel Velikovsky (1895-1979), von Einstein bewunderter Katastrophentheoretiker und Psychoanalytiker, der sich in seinen Büchern beweiskräftig gegen die uniforme Evolution wandte. Unter Katastrophentheorie ist Cuvier verzeichnet. Dessen Gegenpart Lyell antizipierte eine stringente und damit nachvollziehbare Entwicklung (Aktualismus – s’war immer so), die Darwin (halbe Seite) bereitwillig in seine Biologie transponierte. Über Alfred Russel Wallace (11 Z.) heißt es: »Seine Veröffentlichung über die natürliche Zuchtwahl durch Auslese im Kampf ums Dasein (1858) veranlaßte C.R. Darwin, seine eigenen Forschungsarbeiten zu publizieren.« Um Hierarchie-Zweifeln vorzubeugen, steht bei Darwin: »Wallace, der die Priorität D.s voll anerkannte, prägte später den Begriff ›Darwinismus‹.« Zu den Abhandlungen der beiden Gelehrten vor der »Linnean Society« in London nur eins: Während Darwin eine bessere Notizensammlung von sich gab, enthielt die Ternate-Abhandlung (nach der Vulkaninsel, wo Wallace während eines Malaria-Anfalls die Vision vom Überleben des Fittesten (!) hatte) die erste vollständige Darlegung von »Abstammung und Divergenz mit Modifikation durch Variation und natürliche Selektion«, Kern der darauffolgenden »Darwin’schen Evolutionstheorie«.
 

Nachtrag  

Da mir nicht drei Fahnenkorrekturen unterlaufen sind, könnte ich ein Stichwort übersehen haben, was jedoch Gevatter Trend nicht erschüttert. Wie Crowley sich hinter Satanismus verbarg und Leary in New Age, firmiert vielleicht der Vater des Urknalls unter Atavismen des Liebesakts, das Synclavier als Alternative zur Elfenbeintastatur, Physical Modeling unter Frauendesign mit Verweis auf Grace Jones oder Jackson unter Schönheitschirurgie, denn im Brockhaus »lauert die Information dort, wo der Benutzer sie nach aller Voraussicht sucht«. Eine Benutzerin existiert nicht. Dafür aber Buschmannfrauen ...
 

Jürgen Schild ist Journalist und lebt in Mönchengladbach  





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