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Bernd hatte sich in den Rücksitz verkrochen. War das nun der Beginn eines neuen Kapitels? Als der Wagen losrumpelte, ließ er den Film der letzten Tage über seine Stirnwand laufen. Der Abend bei Made, Carmen, Xari, das komfortable Häuschen bei Poppies mit dem grandiosen Pool, das Niksoma, Ruth und Herbert, den Folklore-Abend mit Bamboo-Krönung, Karong, das Buffet, die Geschenkzeremonie vor wenigen Minuten. Schöne Szenen. Perfekter Urlaub. – Und dann die andere Seite des Films. Der Blick ins Gästebuch, der Kitzel in Erwartung eines erotischen Kicks. Die Wetterscheide am Pool. Der grausige Sonnenuntergang. Der Funkensturm. Die Nacht bei Chadewa. Ihre magnetische Energie. Sein Abgang, die Flucht aus dem Sog. Die Suche nach dem Rauschfilter, um diesen Taumel zu überleben. Der Assoziationsschock in der Disco und der Tanz zu Tull’s Musik. Die Entdeckung des Rauschfilters, um dem Sog zu widerstehen. Der Kitzel des Wahns. Danach die fürchterliche Enttäuschung, als er Chadewa just in dem Moment verfehlte, da er sich gewappnet fühlte, sie nach Lust und Laune auszuschweifen. Letztlich der Hoffnungsschimmer nach dem mysteriösen Hinweis der Teebrauerin auf Trunyan, die Heimat der Bali Aga.
Er fühlte sich austernperlenallein.
«How long we go to Penelokan?«, fragte er den Chauffeur.
»Yes, Penelokan, yes.« Der Fahrer verzichtete auf nähere Angaben.
Bernd drängte weiter. «Is there a good way to Trunyan?«
Der Wagen sackte ab. Bernd knallte vor die Kopfstütze und fiel zurück. Die Bremsen packten, trieben ihn vor den Beifahrersitz und warfen ihn ins Polster. Der Wagen stand, der Motor ebenfalls. Der Fahrer hielt das Lenkrad umklammert und stierte entgeistert durch die Scheibe. Zwei jugendliche Surfer machten ihm in unmissverständlicher Zeichensprache klar, was sie von seiner Fahrkunst hielten.
»A bad way.« Bernd reichte die Packung Bentoel nach vorn.
Der Balier haspelte an der Staniolfolie herum, bis er eine Kippe herausgefingert hatte, hielt sie über Bernds Feuerzeug und sog tief am Filter. »My name Made.« Er startete den Motor und fuhr an.
Die Gegend wurde ländlicher, Gehöfte grenzten an die Straße. Die Bewohnerinnen saßen auf Matten und Bänken, flochten Bast, sortierten Nüsse, schnitzten, wuschen und putzten, tranken, kauten und plauderten. Kinder misteten Hahnenkörbe aus. Die Tiere staksten eingebildet herum. Bernd bemerkte Männer, die ihren Hahn wie ein Baby pöngelten.
»Silver craft.« Der Balier hatte zur Seite gesprochen.
Bernd verspürte aus Prinzip keine Lust, sich Silberschmuck anzusehen. Provisionsgeschäfte waren ihm verhasst. Du Schlingel, dachte er sich, Prozente kassieren kannst du, aber vor nem netten Ort am See scheißt du dir in die Hose. Jeder Gedanke an Misseligkeiten war mit einem Wisch verschwunden, als Bernd die ersten Reisterrassen sah. Zum ersten Mal an diesem Morgen überkam ihn ein Gefühl der Erhabenheit.
Das strahlende Grün inmitten der Licht-Palette von Erdigbraunbeigem bis ins gleißend Silberne stammte aus einer anderen Welt. Der Reiz dieser künstlichen Felder lag in ihrer Unverwechselbarkeit. Sie atmeten den Odem der Jahrtausende. Jede Terrasse besaß ihre eigene Form und Größe. Und dennoch strahlten die Anlagen ein wundersames Ebenmaß aus, als hätte die Natur ihr Feld bestellt.
Ein Reisbauer mit kegelförmigem Strohhut kontrollierte den Zulauf des Wassers. Die Felder flimmerten in unterschiedlichen Reifegraden. Manche ölten matschig, andere trugen frische Gräser, wieder andere streckten lauchartige Bündel aus dem Wasser.
Ein Hinweisschild brachte Bernd auf die Frage »Ever been in Bangli?«
Der Balier drehte sich um und grinste über einen guten Witz. »No, no.«
Bernd freute sich, zur Entspannung beigetragen zu haben und vertiefte sich erneut in die Landschaft. In den Senken zwischen den Reisterrassen wuchsen Bambushaine. Aus den Dörfern ragten Miniatur-Pagoden. Die schwarzen Halme der sich verjüngenden Dächer wirkten uralt. Meru kramte Bernd aus seiner Erinnerung, hießen diese Tempeldächer.
Mit der Steigung nahm die Bullenhitze ab. Gemüseplantagen, in denen mannhohe Holzsschuppen wie Wachtürmchen strotzten, säumten die Straße. Lange schlanke Kokospalmen beugten ihre Fächer über kurze, stachelige Salaccapalmen. Bananenblätter blitzten im Sonnenlicht. Zu beiden Seiten der Straßen öffneten sich kleine Täler und Schluchten. Laut Straßenschild waren sie jetzt über 800 Meter über dem Meeresspiegel. Der nächste Ort hieß Sekardadi, vier Kilometer vor Penelokan. Die Straße stieg weiter an. Balierinnen, die am Straßenrand kauerten, trugen weite Röcke und Tücher über Kopf und Schulter. Die Vermummung machte sie still und verschlossen. Wenn Made an ihnen vorbeifuhr, maulte er missgünstig.
Bernd beugte sich vor. »Are these inhabitants of mountain villages?«
»Yes, mountain people, no work, but money, bad.«
Bernd dachte an die Subventionen der Landwirtschaft, als er ein gespaltenes Tor auf sich zukommen sah. Candi bentar, der balische Tempeleingang, Symbol des Durchgangs in eine andere Welt. Als hätte man eine Pyramide geteilt. Einige Meter weiter erkannte er, dass die Straße mittendurch führte. Vor einem Wachhäuschen kontrollierten Soldaten Autos.
Bernd spürte tiefes Unbehagen und hätte sich liebendgern mit einem zündenden Vortrag über die Bankrotterklärung des Vernunftwesens Mensch, das Uniformen züchtet, entschädigt. Zudem sahen die Gesellen grimmig drein. Bernd schaute dem nächststehenden unendlich traurig auf die Nasenwurzel und hörte aus der Diskussion mit dem Fahrer die Silben »Turi«. Ich verwahre mich in aller Form gegen solche Denunziationen, grinste er. Der Fahrer tauschte einen Schein gegen zwei Papierschnipsel.
Logisch, kommentierte Bernd, wenn sie fürs Meer Eintritt nehmen, dann auch für die Berge. Er rang um Gelassenheit. Es wimmelte um den Wagen. Der Fahrer drückte die rechten Türknöpfchen nieder.
«Stop, Penelokan, seaview! « Made fuhr links ran.
Auf der anderen Seite erkannte Bernd einen Aussichtsbalkon mit Eisengatter. Davor lauerte eine Schar Eingeborener, mit Waren behängt. Frauen boten Uhren, Figuren aus Leder und Holz, Blumengirlanden und Orchideen an. Kinder schleppten Bauchläden, die das Handelsarsenal vom Kaugummi bis zur Trillerpfeife umfassten. Die Kräftigeren fingen mit Lassos Touristen ein. Bernd blinzelte verwundert in die Sonne und stellte bei näherem Hinsehen beruhigt fest, dass die Lassos sich als Ketten aus Blüten, Beeren, Horn, Bambus, Kokosnuss, Korallen und Muscheln erwiesen, die weißhäutigen Rucksackträgern übergeworfen wurden. Die Abgebrühten flüchteten kopfschüttelnd.
Unterdessen hatte sein Fahrer ein hollywoodreifes Wendemanöver abgeschlossen, das rein zufällig keine Opfer kostete. Finstere Blicke folgten dem Wagen. Bernd hetzte von der Straße runter, einen Lehmweg entlang, der nach einigen Metern rechts zu einem Hotel abzweigte. Das wird Karongs Onkel gehören, dachte er.
Er mied den Blick in den Abgrund, um ihn von einem einsamen Platz aus zu zelebrieren. Das zweistöckige Hotel mit Veranda erhob sich rechts von ihm, zur Linken stießen zypressenähnliche Zweige durch das Sicherheitsgitter. Der erste Stock beherbergte überdachte Terrassen, eingeklemmt wie Boxen. Im Dunkel dösten Taxifahrer, Händler und Rucksack-Touristen. Hinter der Hausfront lehnten schüttere Bäume an einem Schuppen. Bernd wählte einen verwaisten Tisch am Schutzgitter.
Wattige Wolken schoben sich vor die Sonne. Bernd kam sich in seinem Top nackt vor. Der Wind pfiff ihm durch die Achseln. Er rieb Oberarme und Schultern und sehnte sich nach Wärme und Behaglichkeit.
Langsam drehte er den Kopf nach links.
Seine Augen wurden magnetisch in einen riesigen Kessel gezogen, an dessen südwestlicher Steilwand das Hotel wie ein Raubvogelnest klebte. Darunter wand sich das graue Band einer Straße zum See.
Erstarrte Lava hatte Brocken, Wälle und bizarre Klumpen geformt. Gemächlich erhob sich die graugrüne Trümmerlandschaft zum Gipfel. Der öde gezackte Krater richtete inmitten der Kaldera seinen Schlund nach Westen auf einen tiefer gelegenen Zwilling, als wolle er ihn demnächst verschlingen.
Zu Füßen des Batur ruhte der See, ein bleimatter Halbmond, dessen Spitzen den Kegelstumpf des Vulkans wie eine Zange umklammerten. Die Sonne brach für einen kurzen Moment durch und erhellte den Kessel. Das Wasser schluckte die Strahlen, ohne sie zu reflektieren. Bernd beugte sich zur Seite, um die seichte Anlegestelle unterhalb Penelokans in Augenschein zu nehmen. Er sah nichts, kein Boot, keinen Schwimmer, keine Bewegung. Sand und Grün verliefen uferlos im See. Das musste Kedisan sein. Er nahm die Karte zu Hilfe und fuhr mit dem Finger um die Westspitze des Sees bis zur Mitte des Halbmonds. Dort, am Fuß des Batur, lag Toya Bungkah. Er blätterte in Ruths Führer und stieß an der gleichen Stelle auf air panas, die heißen Quellen von Tirtha, Name des geheiligten Wassers, das die Priester bei Zeremonien verspritzen. Er konzentrierte sich auf das gegenüberliegende Ufer. Eine dumpfe Ahnung erfasste ihn. An der schroffen Kesselwand, wo Nebel und See verschmolzen, ruhte Trunyan. Über dem Grat trohnte der 2.153 Meter hohe Gunung Abang und hauchte gelblich zähen Dunst auf das Dorf. Bernd hielt den Zeitpunkt für gekommen, nicht länger um Trunyan herumzublättern: »This is not a friendly place ... inhabited by a rather unfriendly and pushy bunch of people.« Verärgert klappte er das Buch zu. »Doppelt unfreundlich, das Dorf und die Bewohner. Welch eine Erkenntnis!«
»Wer wird sich über Erkenntnis ärgern? Guten Tag.«
Bernd erblickte ein rundes Gesicht hoch über ihm. Gutmütig wie ein lachender Clown ohne Schminke. Mund und Nase voll und plastisch. Graue Augen lagen tief unter einer weiten Stirn. Darüber fingernagelkurz geschnittenes, schieferfarbenes Haar. Das breite Jochbein besaß malaiischen Schwung. Ein Drei-Tage-Bart umrankte Kinn und Wangen. Der Kopf ruhte auf einem starken Hals, der in einem mächtigen, kompakten Körper steckte. Kleidung und Schuhe wiesen ihn als erfahrenen Globetrotter aus. Bernds Urteil fiel günstig aus: heiter, Vertrauen erweckend; einzige Einschränkung der natogrüne Rucksack.
»Bitte zu sitzen.« Bernd zeigte nach Osten. »Ich suche Wissen über dieses Dorf im Nebel, und auf zwei Zeilen erklärt mir dieser Führer, es sei so unfreundlich wie seine Bewohner. Solch üble Nachreden ärgern mich. Zudem kann ich mir nichts unter pushy vorstellen. Bernd Wetter.«
»Gisbert Zünder.« Er versteckte den Stuhl unter seiner Statur und schaute minutenlang über den See. »Ärger baut auf Unverstand.«
Bernd hatte schon eine harrsche Bemerkung über verquastes Yogi-Gebrabbel zwischen die Zähne geschickt, ließ sie jedoch im letzten Moment an seinen geschlossenen Lippen zurückfedern, als er Gisberts wohlwollenden Blick auf den Krater bemerkte.
»Shiva teilte den heiligen Hinduberg Mahameru in zwei Hälften und brachte sie als die Vulkane Batur und Agung nach Bali. Die Einheimischen nennen ihn auch Gunung Lebah, der Berg, der in der Tiefe liegt.«
Bernd zwang sich, nicht länger aufs andere Ufer zu starren und betrachtete den Schlund. »Sieht echt so aus, als wären wir höher. Jetzt haben wir links den Abgrund – also ich – und vor weiß wie viel Jahren war er rechts. Links ist mir lieber. Rechts ist nicht von Dauer.«
»Höchst tiefgründig.« Gisbert lächelte.
Bernd wurde behaglich ums Herz. »Und du? Woher-warum-wohin?«
Gisbert wies auf einen Punkt des Kesselrands in der Verlängerung der Linie Abang–Batur. »Ich war klettern am Penulisan. Stufen ohne Zahl.«
Sie studierten die Karte und Bernd las: »1.745 Meter, 28 höher als der Batur. War’s denn heut morgen klarer?«
Gisbert schüttelte den Kopf. »Der Reiz liegt im Verborgenen.«
»Wusstest du, dass er bei seinem Ausbruch im Jahr 1917 das 1.600 Meter hoch gelegene Dorf Batur begrub und die Lava lediglich vor dem Tempel haltmachte? Die Überlebenden kamen prompt zurück.«
»Der Glaube kann Berge versetzen.«
»Dieser Vulkan ist ein verkappter Atheist.«
»Auch Atheisten müssen dran glauben.«
»Neun Jahre später setzte er sein zerstörerisches Werk gründlich fort. Diesmal zogen die Überlebenden nach Kintamani «, Bernd zeigte nach Norden, »und bauten ihren Tempel um den geretteten Schrein wieder auf.«
Gisbert quetschte ein paar Mal seinen Hals zwischen Brust und Kinn. »Eben war ich in diesem Tempel.«
»Ja, wofür erzähl ich denn?« Bernd nahm sich vor, in Kürze eine Geschichte zu deklamieren, die kein Gisbert der Welt kannte.
Der Dicke fuhr unbekümmert fort: »Der elfstöckige Meru oder Schrein, wie du es nennst, ist der Göttin Dewi Danu geweiht.«
»Ich dachte, elf Dächer stünden nur dem Gott Siwa zu. Seine Erscheinungsform?«
»Denke ich auch. Die Herrscherin des Batur-Sees sichert den Reisbau. Ihr zu Ehren opfern die subak aus Ubud alljährlich einen Büffel im See.«
Bernd sah angewidert herab. »Nach Schwimmen ist mir heute nicht.«
Gisbert schnalzte vernehmlich. »Ikan pepes !«
Bernd zielte mit der Hand auf den Schuppen, verkniff sich dann jedoch den verbalen Hinweis auf die Toilette. »Was kannst du?«
»Geschmorter Fisch. Aasfresser munden vorzüglich. Schon probiert?«
»Das wär was für heut Abend. Wie steht’s denn mit dem Nachtleben?«
Gisbert guckte drein, als frage ihn jemand auf dem Friedhof nach der Achterbahn. »Es liegt danieder. Du musst es selber machen.«
»Sagt Angela auch immer.«
»Welch eine Frau.« Gisberts Bass dröhnte bewundernd.
»Meine. Wir fragen wessen. Ich such jetzt ne Bleibe. Fährst du mit?«
Bernd zwängte sich neben Gisbert Zünder auf das verbleibende Drittel der Rücksitzbank. Nach einigen haarigen Manövern hatten sie den Tiefpunkt des Tals erreicht und bogen nach Norden. Auf einmal raste der Fahrer wie von Lavafurien gehetzt. Gisbert hopste vergnügt auf und nieder. Bernd fühlte sich in eine Karussellkabine versetzt, die abrupt Geschwindigkeit, Steig- und Fallwinkel, Richtung und Kurven änderte bis der Magen nicht mehr wusste, wo der Darm begann. Mauerreste und zerbröckelte Fundamente zeugten vom einstigen Leben in diesem klobigen Gebirge schwarzgrüner Schatten und Schimären.
Gräuliche Bilder unerbittlich vorkriechender Magmaschlangen drängten in Bernds Gehirn. Das fauchende Glühen im Innern, die leckende Zunge, das Pulsen der grellroten Adern, das Zischen im Wasser. Wie konnten Menschen solche Erinnerungen löschen? Und doch hingen sie alle wie die Kletten an ihrem Berg. Als wären Vulkane hypnotisch. Bernd dachte an den Sog beim Blick in den Abgrund. Ihn schwindelte. Der Kitzel setzte ein. Ein Tasten nach dem Nabel, ein Ziehen durch die Bauchhöhle.
»Grandios!« Die tiefe Stimme klang beruhigend.
»Ja, das schafft die Natur, wenn man sie lässt.«
»Die Natur ist die wahre Kreative.«
»Na, na. Du hast mich noch nicht im Exzess meiner Faibles erlebt.«
»Irgendwelche Vorlieben?«
»Juristische Fragestellungen ignoriere ich grundsätzlich.«
Gisbert lächelte verschmitzt. »Also, welche Faibles?«
Bernd holte bis zur Deckenverkleidung aus. »Die Manie des Tanzes, den Rausch der Musik, die Magie der Frau.«
»Kann man das auch kompakt erleben im manischen Frauenrausch?«
»Beileibe.« Bernd hielt ihm die Hand vor den Bauch. »Beliebig«, verbesserte er und entzifferte eine Hinweislatte. »Da geht’s zum Batur.«
Der Beleibte stieg aus. »Bitte zum Dinner um acht ins Nyoman Pangus.«
Bernd zielte hinter seinem ausgestreckten Arm auf ein Gemäuer, dessen Restauranteigenschaft er nie erkannt hätte. Er entlohnte den Fahrer, der zum wiederholten Mal den Motor hochjagte, als fürchte er den endgültigen Stillstand. Die Temperatur erreichte unten im Tal ihren gewohnten Schmelzwert. Bernd wischte sich die Tröpfchen von der Stirn und trabte zu einem Kiosk mit wohl ausgerichteter Flaschenparade.
»Water, please!« Er flüsterte wie im Wüstenfilm.
Die Verkäuferin verrückte lediglich ein Grübchen.
Bernd war durchaus fürs Subtile zu gewinnen, aber er ahnte Spott. «Is there any lovely hotel in this nice and pleasant village?”
»Ya!« Sie brachte ihr Grübchen in die Ausgangsstellung zurück.
Schnell weg hier, jetzt erkennen mich schon die Balierinnen der Berge als Deutschen, dachte er. Stöhnend schulterte er seine Tasche.
»Good losmen?« Ein schwarzgelocktes Mädchen zwitscherte ihn an.
Die Kleine trug ein rotes Kleidchen mit weißen Tupfen, in der Taille gebunden wie eine Schürze. Trotz ihres mutigen Vorstoßes blinkten ihre großen braunen Augen verlegen. Bernd hätte ihr am liebsten über die Locken gestreichelt und sie auf den Arm genommen.
»My name Wayan.« Sie bog in eine Gasse und schaute, ob er folgte.
»I’m Ben.«
Das Mädchen führte ihn zu einem zweistöckigen Steinbau, über dessen Portal eine Reklame prangte. »Good losmen.« Sie teilte den Bastvorhang.
Er benötigte einige Sekunden, um die Pupillen auf das Schummerlicht einzustellen. Endlich erfasste er eine Art Schankraum mit sechs Tischen und einer Theke zur Linken. Schräg gegenüber in der hinteren Ecke erkannte er die untersten Stufen einer Treppe, die hoch ins Dunkle führte. Die Kleine weckte den Wirt, der seinen Kopf neben die Spüle gebettet hatte.
Bernd half ihm über die Zeit, indem er sich vorstellte und nach einem Zimmer mit Dusche fragte. Der Wirt musterte ihn trübsinnig und befand ihn augenscheinlich für gastwert. Er stützte sich hoch und schleifte sich an Flaschen und Zapfhähnen vorbei zu einem Brett, in dem rostige Haken steckten. Fünf Schlüssel hingen daran. Der Balier schien abzuwarten, ob sich einer selbständig machte und ihm die Entscheidung abnahm. Als ihm keiner entgegenfiel, reichte er Wayan seufzend die Nummer Vier. »Balkon«, verkündete er, als handele es sich um die Edward-Suite des Raffles.
Das Mädchen hüpfte die Treppe rauf und knipste oben ein Licht an. Bernd stolperte im Dämmerschein zweimal und fluchte einmal mehr bis er auf gleicher Höhe war. Wayan schlug vor eine Lampe, die prompt hektischer zu flackern begann, und zeigte einen Gang entlang. Die Bohlen knarrten, als wäre die Last des neuen Gasts zu beschwerlich. Am Ende des Gangs filterte ein Fenster einen Sonnenstrahl, der tausende tanzender Staubpartikel funkeln ließ. Bernd lugte durch das beschissene Moskitogitter.
Inzwischen war es Wayan gelungen, das Schloss der Zimmertür zu knacken. »Open«, kommentierte sie, trippelte durch den Raum und machte sich an den Fensterflügeln zu schaffen.
Bernd knallte die Tasche zu Boden. Er schnupperte Moder und erkannte im Dämmerlicht ein Bett mit schlaffem Moskitonetz. Ein wurmstichiger Schrank, zwei Stühle mit geflochtenem Bastpolster, ein Tisch mit welliger Platte und eine Strohmatte bildeten die Einrichtung.
»Luxus ist eitler Schein«, deklamierte er und vermisste das Bad.
Ein Knall, ein Lichtblitz: Die Bude war zwei Lux heller.
»Balkon!« Wayan hatte mit ihrem nackten Fuß die Flügel gesprengt und wackelte siegesbewusst mit dem beteiligten braunen Zeh.
Er hielt die Frage nach dem Bad galant zurück und trat ins Freie. Der Vorsprung war so breit wie das Zimmer. Bernd erblickte vor sich Wellblechdächer, Hühnerställe, Schuppen und halbfertige Garagen zu beiden Seiten der staubigen Gasse. Er wandte sich nach links und blickte zum See. Das andere Ufer verschwamm im Nebel.
Das Zimmermädchen hatte auf einem himmelblau blätterndem Stahlstuhl Platz genommen und wippte spielerisch mit den Beinen.
Bernd fummelte ein Scheinchen aus der Hosentasche. «Very nice, Wayan. Please wake me up at seven o’clock.« Er unterstrich sein Anliegen mit der Geste des Klopfens.
»Terima kasih.« Sie hob das rechte Bein, ihr Knie wölbte den Rocksaum und ihr Fuß holte andeutungsweise aus. »Seven«, kiekste sie.
Bevor sie die Zimmertür schloss, fragte er: »Where is the hot water?«
Ihre großen Augen staunten ihn an. «Hot springs in the sea.”
»Haha«, machte er und fixierte sie streng.
Sie streckte einen Finger in den Gang. »Mandi, please.«
Ergeben nahm Bernd den Roststengel in Empfang und schloß die Tür. Er packte den Buddha aus und stellte ihn auf den Tisch. Dann kleidete er sich aus, entraffte notdürftig das Moskitonetz und sank erschöpft aufs Bett. Die Matratze puffte unter ihm zusammen.
*
Ein dumpfes Pochen riss ihn aus sanften Träumen von Samt, Satin und Seide. Das Laken klebte an seiner Haut.
Wumm!
Um Wayans Füßchen zu entlasten, brüllte er »Thank you« und sprang vom Bett. Mißmutig machte er sich auf, das Bad zu inspizieren. Am Ende des Gangs fand er das Sanitärkabäuschen. »Oh, de Tolett«, alberte er sich in Stimmung. Rechts neben dem Klo war ein gekacheltes Becken eingelassen, kniehoch mit Wasser gefüllt. Ein blauer Plastiknapf schwamm auf der Oberfläche. Die Schöpfkelle kam Bernd nicht ganz geheuer vor. Mit spitzen Fingern hob er den Plastikvorhang auf der anderen Seite hoch und scheuchte drei Moskitos auf. Sie formierten sich zu einem Rundflug. In Kopfhöhe ragte ein Rohr aus der Wand. Bernd drehte lange am Metallrad und träumte von einem endlosen Gewinde. Als er von U-Boot-Luken zu Banktresoren wechselte, puffte es aus der Leitung und Wasser kleckerte. Neben seinen Füßen bildete sich ein Rinnsal. Mit einem Fußtritt schaffte er die Verbindung zum Abflussloch. Mutig leerte er einmal die Kelle über seinem Kopf. Das Frottieren war der wirksamste Teil der Hygiene. Erfrischt schluffte er ins Zimmer.
Auf der Treppe rutschte sein Absatz von der Kante. Bernd schrappte die letzten Stufen runter und hielt sich am knirschenden Geländer aufrecht. Das Murmeln im Schankraum stoppte jäh, er war Mittelpunkt des Interesses.
»Good evening!«, böllkste er durch Nelken-Schwaden. Drei Tische waren von rauchenden Männern besetzt. Der Wirt fragte: »Mie goreng?«
Bernd lehnte dankend ab und erfuhr, dass er keinen Schlüssel brauchte. Vor der Tür legte er den Kopf in den Nacken und atmete die Abendluft ein. Sie schmeckte nass. Weder Mond noch Sterne ließen sich blicken. Die Düsternis drückte auf den Kessel. Gleich machen sie den Deckel zu, befürchtete er. Kein Mensch begegnete ihm. Bernd bog in die Hauptstraße und ortete eine trübe Straßenlaterne. Ihr Schein reichte bis zum Nyoman Pangus. Lebhafte Geräusche drangen durch den Türvorhang.
Gelbe und rote Lampions beleuchteten schwarze derbe Tische. Fischernetze bedeckten die gespachtelten Wände. Einheimische speisten unter einem Ventilator. Vor der Theke an der Rückwand drei Tische. Links, zwei Meter vor dem Eingang zur Küche, aus dem würzig fette Gerüche strömten, saß ein älteres Touristenpaar. Der männliche weißhaarige Teil wurde gerade von einer korpulenten Balierin beraten. Daneben vier freie Plätze. In der Ecke ruhte Gisbert hinter einer grünen Weinflasche. Bernd fühlte sich geborgen.
»Selamat malam!« Er winkte vor Freude über seinen Abendgruß. Zwei Männer blickten wohlgesonnen von ihren Tellern hoch.
»Setz dich, mein Sohn«, sagte Gisbert und rückte einen Stuhl zurecht.
»Na, na. Das ist ja wohl kaum vorstellbar ohne Lifting.«
»Bei Wiedergeburten schon.« Gisbert goss das zweite Glas voll.
Bernd beäugte das australische Etikett und probierte vorsichtig.
»Mein Apéritifwein«, warnte Gisbert.
Bernd rieb die Lippen. »Etwas warm, etwas sauer, etwas abermundig.«
»Wie die Kreuzung von Müller und Thurgau.«
»Wann sind die denn hingerichtet worden?«
Gisbert schmunzelte. »Du hast ein Domizil gefunden?«
»Ja, ein schwarzgelocktes Mädchen lauerte mir auf und brachte mich schnurstracks zum Air Panas Losmen in die Exercise-Suite.«
»Was ist das denn?«, platzte Gisbert heraus.
»Der Trainingsraum für Flitter-Pärchen. Öde mit Balkon.«
»Ah, dieser einzelne Balkon in der Seitengasse zum See.« Er bat die Bedienung zu sich. »Wir sollten eine Vorspeise wählen.«
Die Korpulente verstrahlte den Duftmix der Küche und zählte auf: »Cap cai, pumpkin, sate penyu ...«
Bernd glotzte auf den unleserlichen Speisezettel und erkundigte sich. »Pumpkin kenn ich, tolle Plattenfirma, aber was ist sate penyu?«
»Das hab ich noch nicht probiert.«
Der Weißhaarige winkte herüber und rief: »Turtle«.
Bernd dankte und fragte verwundert: »Schildkröten, in den Bergen?«
»Vielleicht ohne Schild.« Herr Zünder schaute ganz abgeklärt. »Ich nehm Kürbis mit Hühnchen.«
Bernd entschied sich fürs Gemüse und fragte nach Toast.
»Tidak ada!«, antwortete die Baliern.
Gisbert unterstützte die Konversation. »Sie meint nein.«
»Das dachte ich mir.« Bernd strahlte die Balierin an. »Nasi.«
Sein zweiter Wunsch verursachte eine wohlmeinende Verbeugung. Ein Koch mit weißer Mütze im Schultüten-Format erschien in der Tür. »Ibu?«
»Das ist Nyoman.«, sagte Gisbert.
»Aha, der Chef, ich frag mich schon die ganze Zeit, wieso mir dieser Name so vertraut ist.«
»So heißt hier jeder oder jede Vierte in kinderreichen Familien.«
»Ehrlich?«
»In der untersten Kaste heißen alle Erstgeborenen Wayan, die zweiten Made, die dritten Nyoman und die vierten Ketut.«
»Ehäm, also ist Wayan das erst-, fünft- oder neuntgeborene Kind.«
»Du hast es erfasst. Zumindest früher war das üblich.«
»Und die anderen Kasten?« fragte Bernd.
»Bin ich Buddha?«
»Jeder kann Buddha sein.«
Gisbert feixte. »Dir fehlt’s aber an Gewicht.«
»Das wird sich jetzt ändern.« Bernd deutete auf die Balierin, die den ersten Gang servierte. »Wo ist denn dein Pumpkin?«
Gisbert untersuchte mit der Gabel die unterschiedliche Konsistenz und baute in der Mitte des Tellers ein Häufchen aus festem hellbeigem Hühnchenfleisch und drumherum einen Brei aus gelbgrünem Kürbis. Aus dem Brei spießte er ein Knüddelchen und peilte Bernds Mund an. »Da.«
Bernd schnappte und schmeckte. »Hm, mit Kokosflocken, nicht übel.« Er revanchierte sich mit einer Gabel grüner Strünke. Sag mal, täusch ich mich oder sind die Bewohner dieser Region etwas verhärmt?«
»Eher eigen, würd ich sagen.«
»Das könnte es sein.«
»Was?«
»Pushy. Das Eigenschaftswort aus dem Führer. Könnte eigen heißen.«
Damit waren die Bali Aga von Trunyan gemeint, unberührt von Fremdeinflüssen seit ewigen Zeiten. Eigensinnig hüten sie ihren Götzen, verbergen ihn vor den Blicken aller Fremden in ihrem geheimnisvollen Tempel. Angeblich die größte Figur Balis. Der Riese ist das Zentrum der Welt. Aus welchem Material weiß keiner so recht.« Gisbert zeigte zur Wand, wo er das andere Seeufer vermutete.
Bernd gravierte jeden Buchstaben in sein Hirn.
Ibu kam aus der Küche. »Ikan pepes«, verkündete sie stolz.
Zwei grünlich schimmernde Fische ruhten auf einer silbernen Platte. Gisbert machte sich sofort ans Entgräten.
»Very good fish.« Der weißhaarige Tourist hatte seine Frau im Arm und kam eigens zum Tisch, um sich zu verabschieden.
Bernd winkte gönnerhaft zurück und scherzte. »Mit Büffel-Proteinen.«
Gisberts Augen funkelten spitzbübisch. »Wenn’s nur Büffel wären.« Bernd spitzte die Ohren. «Was deutest du an, Gebirgsjäger?«
»Neulich haben sie die Leiche einer Australierin aus dem See gefischt.«
Bernd hustete. »Moment, mir steckt was quer in der Röhre. Hat sich wohl versurft, die Bedauernswerte oder?«
»So surft kein Mensch.«
»Wie surft kein Mensch?«
»Kopflos.«
»Da kenn ich genug.« Bernd stockte. »Was?«
»Drei Tage später wurde der Kopf angeschwemmt.«
Bernd stürzte den Wein hinunter und zündete sich eine Zigarette an. Er inhalierte tief und musterte argwöhnisch sein Gegenüber.
Gisbert knetete Reis ins Fischfett. Die Gleichgültigkeit in Person. »Warst du dabei?«, fragte Bernd.
»Nein. Michael, mein Kletterkumpan.«
»Ja und? Was kam bei der Untersuchung heraus? Frustrierter Friseur oder Ritualmörder oder Guillotins Wiedergeburt?«
Gisbert hob seine gutbepackten Schultern und ließ sie sacken. »Keine Ahnung. Die Orang Abung auf Südsumatra galten lange als gefürchtete Kopfjäger. Mittlerweile sollen sie auch Büffel opfern.«
»Hier scheint’s hin und wieder Rückfälle zu geben. Aber das erschüttert dich nicht im geringsten oder?«
»Anhänger der bei uns herrschenden Religionsgemeinschaft verspeisen den Leib des Herrn.«
»Symbolisch«, wandte Bernd ein.
»Umso schlimmer.« Gisbert guckte pfiffig. »Die Schutzheilige Italiens, Katharina von Siena, trug die Vorhaut des Herrn als Ehering.«
Bernd fürchtete um das Thema. »Auf Kalimantan leben Autokannibalen.«
»Auf unseren Straßen auch.« Er grub Fasern aus der Gräte. »Erzähl!«
»Sie knabbern sich an in der Überzeugung, dass es nachwächst.«
Gisbert erstickte sein Gelächter in der Serviette.
Bernd räumte die Teller beiseite. »Jetzt ein Mazarinschnittchen.«
»Bleib mir vom Leib mit katholischen Machthabern. Lieber acar !«
»Bitte ohne Proteine. Außerdem brauch ich jetzt Bier.«
»Ohne Aminosäuren geht’s nicht. Wie ein Survivor siehst du nicht aus.«
Bernd war verblüfft. »Wie sehn die denn aus?«
»Humorlos lässig.«
»Ah, der Nachtisch.« Bernd roch, schmeckte und staunte. »Ingwer und Erdnüsse, Gürkchen und Zwiebel. Tolle Mischung.«
Gisbert nickte dankend. »Du schweifst ab.«
»Ja, was treibt den Mann? Du sprichst vom Schweif.« Bernd schaute zur Decke und zählte die Umdrehungen des Ventilators. »Ich suchte die perfekte Lust. Hing auch schon mit allen Fasern an der Exzessbatterie. Doch mit der totalen Auslieferung kam die Panik. Sie sog meine Energie ab. In letzter Sekunde gelang mir der Ausstieg. Also kurz, ich will den perfekten Kick, ohne den Kopf zu verlieren.«
Gisbert stimmte ein homerisches Gelächter an. »Ausgerechnet hier.«
Bernd schielte pikiert. Als ihm sein unfreiwilliger Gag bewusst wurde, fiel er schallend ein. »Der Vergleich war nicht so gelungen.«
»Klingt ziemlich mysteriös. Wir gönnen uns jetzt ein Pfeifchen.« Die Frohnatur nickte und zählte Scheine auf den Tisch. Sie waren die letzten Gäste. Frische Luft klärte den Alkoholnebel.
Gisbert stapfte zielstrebig in Richtung See und hockte sich ins Gras.Bernd hielt am Rand einer flachen Böschung, die in einen schmalen Sandstreifen auslief. Dahinter ruhte der See unter schwarzem Dunst. Die dunkle Wassermasse zog ihn an, dass er schwankte.
Gisberts sonore Stimme erklang. »Hast du mal zwei Blättchen?«
Selten war ihm eine Stimme so tröstlich erschienen. »Du darfst auch zweimal ein Blättchen nehmen.« Bernd reichte ihm den Tabaksbeutel.
Gisbert verzwirbelte Gras mit Tabakfasern.
Bernd tat empört. »Aber Freund, das ist hier nicht erlaubt.«
»Weiß ich, weiß ich. Nicht nur der Konsum ist strengstens untersagt, du wirst sogar bestraft, wenn du Dealer nicht anzeigst.«
»Da könnt ich halb Kuta denunzieren.«
»Die Drogenfahndung ist hier außer Kraft.« Er zeigte herüber. »Dort drüben war sogar die Macht der Rajas zu Ende.«
»Das beruhigt mich auch nicht. Kann denn keiner mal Licht machen?«
Gisberts Feuerzeug schnappte auf und entfachte die Glut. »Das wirkt wie Bali. Deine Gefühle werden verstärkt. Ob ins Optimistische oder Depressive, bestimmst du selbst. Schau, es wird heller.«
»Siehst du das andere Ufer?«
»Manchmal glaube ich zu sehen. Aber das hat nichts mit Optik zu tun.«
Bernd konzentrierte all seine Sinne auf das andere Ufer. Ein Flimmern lockte durch den Nebel. Ein Puls tastete sich zu seinem Bauchnabel vor. Seine Hoden hoben sich. Etwas Weiches kroch über die Schenkelbeuge. Er schrie auf, fuhr hoch und fasste sich entsetzt in die Leiste.
Gisberts Ruhe war mit einem Schlag dahin. Er blickte in angstgeweitete Augen. »Sachte, mein Junge, hast du schon geträumt?«
Bernd war schreckensbleich. »Schlangen!«, schrie er. »Gibt’s hier Schlangen?« Zitternd tastete er seine Bauchhöhle ab.
»Bestimmt nicht im Rudel. Lass sehen.« Ohne Umschweife zog der Dicke ihm die Hose runter und leuchtete mit der Flamme seines Feuerzeugs. »Nichts zu sehen.« Gisbert spannte die Haut und wiederholte: »Nichts.«
»Wirklich?«
»Ich sag’s jetzt zum dritten Mal. Nichts!«
Bernd atmete auf. »Gut, dann brenn mir nicht den Penetrator an.«
»So sieht er gar nicht aus. Heiß?«
Bernd wischte sich den Schweiß ab. »Glühend. Gib noch ne Runde Hanf.«
Gisbert hockte sich wieder hin und öffnete die Brusttasche. Derweil wurde er Zeuge eines sonderbaren Veitstanzes.
Bernd sprang und trampelte dreimal um ihn herum und setzte sich. »Für alle Fälle. Schlangen mögen keine Erschütterungen.«
»Theoretisch stehst du über allen, nur mit der Praxis hapert’s, wie?«
»Ich schweige erschüttert.«
Auf ein unsichtbares Zeichen hin startete eine Frosch-Armada ihr Nachtquaken. Die Zwei rauchten und hörten fasziniert dem Lärm zu.
»Gisbert, ich muss ans andre Ufer.«
»Ich hab’s geahnt.«
»Gehst du mit?«
Buddha drehte an einer Magnum. »Ich fürchte, da musst du allein durch.«
»Ich hab Angst.«
*
Bernds Schädel beherbergte eine Metallwarenhandlung. Sie schüttelte sich. Seine Erinnerung beschränkte sich auf die vage Vorstellung zweier durch die Nacht torkelnder Menschen. Aber da war noch was aktuelles. Er hoffte auf den Fall der Rupiah und ging duschen. Das war’s. Gisbert hatte von seiner strahlkräftigen Brause getönt und zum Frühstück geladen.
Schrill pfeifend, um die Reißnägel-Abteilung zu schockieren, raffte Bernd Klamotten und Waschzeug zusammen. Mit beiden Händen sicherte er sich am Geländer und betrat geräuschlos den leeren Schankraum. Draußen traf ihn die Sonne. Die Frühstückszeit war abgelaufen.
Am Empfang erfuhr er Herrn Zünders Zimmernummer und spazierte einen erfrischend kühlen Gang lang. Er hörte eine Säge arbeiten. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Lärm nicht aus der Vorführabteilung seines Schädel drang, klopfte er und trat ein.
Gisbert bedeckte in seiner ganzen Leibhaftigkeit das Bett. Der Gesichtsausdruck war friedlich. Keine Anzeichen vergleichbarer Kopfbeschwerden. Helle Rohrmöbel, breite Korbsessel, Bilder aus der Malerschule von Ubud vermittelten Weite und Komfort. Bernd erwog einen Hotelwechsel und verwarf den Gedanken sogleich. Ein lauschiges Domizil könnte ihn verleiten, sein gesteigertes Empfindungsvermögen der Bequemlichkeit zu opfern. Er erspähte einen Duschvorhang und genoss die Vorfreude, die Eisenwaren zu oxidieren und aus dem Kopf zu spülen. Der Strahl war kühl und kräftig. Bernd stellte die Dusche erst wieder ab, als Grund zu der Annahme bestand, die Hälfte des Sees sei im Strudel des Abflusses verschwunden. Neugeboren lümmelte er sich in einen Sessel.
»Ist der See ausgelaufen?«
Der heisere Bass ließ Bernd hochfahren. »Schon wach?«
»Wenn nachts Wasser rauscht, suche ich meinen Schirm. Weil der saure Regen den Haarwuchs hemmt. Prompt erwache ich. Tolle Brause, nicht?«
»Unter ihrem Einfluss hat mein Schädel das Scheppern eingestellt.«
Gisbert wickelte sich aus dem Laken. »Das Frühstückszimmer findest du den Gang runter einmal rechts, einmal links, neben der Bibliothek.«
»Neben was?«
Der behaarte Nackte hielt es für Verschwendung, sich zu wiederholen.
»Faulpelz.« Bernd folgte neugierig dem Tipp und fand den Raum sofort.
Zwei alte Europäerinnen und eine balische Familie aßen in einem hellen Zimmer. Das Tageslicht fiel durch zwei große Fenster und eine offenstehende Tür auf gedeckte Tische. Neben dem Eingang eröffnete ein portalförmiger Bogen die Sicht auf zwei Bücherregale. Bernd trug einer jungen Balierin seine Bestellung auf, um den Frühstückskaffee zu sichern und eilte in die Bibliothek. Sie bestand aus abgegriffenen Reiseführern. Sekunden vor dem Eintreffen des Frischgeduschten saß Bernd am Tisch und goss aus der blechernen Kanne ein.
»Die Sonne bringt mich an den Tag.« Gisbert ließ ein Brötchen in seiner Hand verschwinden. »Es war noch Wasser da.«
»Weißt du, wann der Batur zum letzten Mal ausgebrochen ist?«
»Hast du doch gestern erzählt. In den Zwanzigern.«
»In ›Anders reisen‹ steht 1963.« Bernd verbreiterte die Nasenlöcher.
»Nun, bereits der Titel impliziert eine Alternative.«
Bernd winkte gähnend ab. »Egal, ich könnt schon wieder schlafen.«
»Wahrlich, dieser Tag beginnt erholsam.«
»Was machen wir denn heut?«
»Entspannen bis an die Grenzen der Langeweile.«
»Und zum Abendessen in dieses Seeblick-Hotel.«
Gisbert trollte in den Garten, Bernd schlenderte zu den Bücherregalen.
Bernd angelte sich einen kitschgelben Band und erfuhr, dass die Niederländer unter ihrem Kommandanten Rodenburg vor der Landung der Japaner jämmerlich stiften gingen. Er schüttelte grimmig den Kopf. »Mit Lanzen bewaffnete Eingeborene können sie niederkartätschen, aber sobald eine kampferprobte Truppe erscheint, geben sie Fersengeld.«
»Mit wem schimpfst du?«, fragte Gisbert im Vorbeigehen.
»Ich verachte momentan die Niederländer.«
»Immerhin haben sie keine christlichen Missionare nach Bali gelassen.«
»Wer Kulis braucht, wird Sätze wie ›alle Menschen sind gleich‹ verhüten. Sie pflegten die indirekte Herrschaft solange es ging.«
»Erprobtes Mittel der Briten. Wie die Amis heute noch jeden Diktator stützen, der Kommunisten abschlachtet und den Dollar küsst.«
»Übrigens haben die Holländer beste EG-Maßnahmen antizipiert.«
»Du wirst es mir erklären.«
»Die vereinigte Ostindische Kompanie hat schon vor Jahrhunderten Gewürz-Berge verbrannt, um die Preise zu manipulieren.«
»Auch die Briten ...«
»Mir ist jetzt nicht nach Differenzierungen. Was willst du?«
»Eine Illustrierte, wenn du erlaubst und vielleicht eine Cola.« Gisbert lächelte spöttisch. »Und dann entfleuche ich wieder in den Garten.«
Bernd winkte herablassend. »Ich werd dich auf dem Laufenden halten.«
Gisbert drehte sich um. »Ich will nicht laufen.«
Bernd überschlug drei Führer. Über sein Ziel, das Dorf der »eigenen, finsteren und aggressiven Bewohner« fand er nichts. Schließlich fiel ihm ein zerfledderter Band über Heilkunde auf. Ein Regimentsarzt der Ostindienkompanie hatte das Werk verfasst. Am Anfang machte er seiner Enttäuschung Luft über die Zerstörung wertvoller Lontar. Bernd traute seinen Augen nicht, als er im Kapitel »Anatomie« auf den Satz stieß: »Angeblich war die Menschenfresserei auf die Brataner, das heißt, die Leute, die im Dorfe Bratan am gleichnamigen See wohnten, beschränkt. Wer bei den Bratanern in seiner Familie alte Leute mit Triefaugen hatte, gab ihnen erst eine Zeitlang gut zu essen, um sie zu mästen und dann zu schlachten.« Er angelte sich einen Führer mit Karte und stellte fest, dass der Bratan-See 20 Kilometer weiter im Westen lag.
Bernd schlich in den Garten, um seine neuesten Erkenntnisse an den Mann zu bringen. Doch der Mann schlummerte in einem uralten Liegestuhl unter Palmen und weißen lilienähnlichen Kelchen, die sich nach unten öffneten. Alle drei Sekunden posaunte er eine der Trompetenblüten an. Bernd beneidete ihn um seine Ruhe. Ziellos tappte er durch Dorfgassen.
Drei Stunden später empfing ihn ein unverändertes Bild des Friedens: Gisbert im Bläser-Duett mit der Trompetenblüte. Eine Gesichtshälfte fummte krebsrot nach längerer Sonnenbestrahlung.
Bernd weckte den Langschläfer. »Hat dich jemand geschlagen?«
Gisbert grunzte und drehte sich auf die Seite. Als ihn die Latte des Liegestuhls schrammte, tastete er sein Gesicht ab. »Au Backe.«
»Wange!«, korrigierte Bernd im Abmarsch.
Eine Stunde später schlenderten sie durch die Hauptstraße, auf der Suche nach einem Wagen. Gisberts rechte Gesichtshälfte glänzte fettig.
Bernd erkundigte sich mitfühlend. »Tut’s weh?«
»Es tut. Speziell die Pusteln unter dem Auge.« Gisbert peilte Bernd über das Unterlid an. »Du hättest auch mal nach mir gucken können.«
»Hab ich. Da lagst du noch im Schatten.«
Gisbert blinzelte und winkte einen Wagen heran. Seine Verhandlung mit dem Chauffeur hatte den Preisanstieg im Dunkeln zum Inhalt.
Bernd dachte mit. »Bergauf kostet’s mehr Sprit.«
Gisbert stieg ein. »Wir dürfen sie nicht in die Inflation treiben.«
Die Scheinwerferkegel tauchten Magmaklumpen in fahles Licht. Eine Mondlandschaft grotesker Auswüchse floss vorbei. Flechten, knorrige Nadelbäumchen und starre Dornenbüsche geisterten im Licht der Autolampen. Manchmal blitzte ein Quarz oder eine Kante der erstarrten Lava auf. Der Wagen holperte durch einen Schemengarten. Permanente Richtungsänderungen schufen dem Irrwitz freie Bahn. Bernd sah das gelbe Zyklopenauge einer Panzer-Katze auf dem Buckel der Asphaltpiste. Im nächsten Moment fuhr er auf den Elefantenkörper eines Kolosses zu, der im allerletzten Moment die Beine grätschte. Am Straßenrand stand ein Albino-Nashorn auf den Hinterläufen. Plötzlich verendeten die Lichtstrahlen im Nebel, Bernds Körper ruckte nach hinten, nach vorn, und die beiden Leuchtsäulen kippten wieder auf den Teer. Im nächsten Augenblick sackte er in ein Luftloch. Sein Magen hob sich.
»Noch ne Stunde durch dies Diffusien und meine Sinne sind außer mir.«
Das Klopfen der Ventile verkündete den Anstieg nach Penelokan. Der Fahrer schien eine alte Abneigung gegen das Schaltgetriebe auszuleben.
Bernd stellte sich auf die neue Gefahr ein. »Jetzt bleiben wir stehen.«
»Schwarzseher!«
»Kann nicht schaden, vorzudenken. Ist zwar aus der Mode, aber was schert mich das. Hörst du?« Bernd imitierte das Geräusch: »Kraaax. Nu isser drin. Nochmal davongekommen. Beim nächsten Mal würgt er ihn ab. Dann schmücken wir die Straße. Von oben eine Lawine, von unten ...«
»Wenn du jetzt Schnee siehst, solltest du weniger trinken.«
»... ein Sattelschlepper. Wir dazwischen. Sie werden diese Horrortrasse zur Straße von Massaker taufen. Oweh. Ich sehe ein, dass diese Gegend – guck, da flackert’s – kaum Balsam für die Nerven einfacher Menschen ist, aber dass sie es heraufbeschwören, jau, jetzt ist der Zweite drin.«
»Ist dein Vordenken immer so echauffierend?«
»Falls ich Schimären mit Schnee verbinde – enorm.«
Der Dicke nieste: »Hasski!«
»Schlittenhunde? Das ist aber überdreht. Krrrrrax. Hast du gehört? Achtzehn Zacken. Einmal rum. Ach, guck an.« Bernd hatte den Kopf zwischen die Rückenlehnen der Vordersitze geklemmt. Von da moserte es: »Gottchen, Gottchen, da soll einer klug werden.«
»Was ist nun schon wieder?«
»Er tritt tatsächlich die Kupplung. Das ist nun wirklich überflüssig.«
Gisbert zeigte zur Aussichtsterrasse. »Schau, wir sind oben.«
»Mein Puls meldet enormen Anstieg.«
»Schön, dann bist du endlich mal mit der Natur im Einklang.« Gisbert entfaltete einen Schein und rauschte den Pfad zum Hotel hinab, um den Touristenfängern zu entgehen. Am zweiten Tisch ließ er sich nieder.
Eine Balierin mit feschem Pferdeschwanz erschien und brachte die Karte. Über ihr Gesicht huschte ein Lächeln. »Like to drink?«
»Und ob.« Bernd strahlte und sagte: »Ya.« Er betrachtete das Mädchen im dunkelgrünen Sarong wohlwollend, komplimentierte mit den Augen den zierlichen Körper. »Ada Singapore Sling?«, fragte er.
Sie buchstabierte lautmalerisch und senkte den Kopf. »Saya tanya.«
»Angenehm, Ben«, witzelte er. »Sie ist richtig fernöstlich beschwingt. Geschwungene Lippen, geschwungene Nase, geschwungene Wangen.«
»Du wiederholst dich.«
»Dies sinnlich Filigrane macht mich kirre. In Thailand klopfte morgens ein Mädchen an meine Zimmertür und flötete ›hau pippie, hau pippie‹ ...«
»Ich kann nicht thailändisch.«
»Sie machen’s nicht anders. Du kämst schon zurecht«, tröstete Bernd. »Ich dachte natürlich sofort an eine Flagellantin ...«
»Natürlich.« Gisbert richtete sich auf. »Flegel!«
»Aber sie sprach englisch und meinte housekeeping. Köstlich, nicht?«
»Für einen Redakteur offenbarst du ein allerliebst kindlich Gemüt.«
»Gelle? Sie kömmt. Wau. Mit zwei Gläsern. Die Bar hat Qualität.«
Sie schleuderte kokett den Haarwusch nach hinten.
Bernd seufzte sehnsüchtig. »Frau mit Pferdeschwanz. Welch köstliche Kupplung.« Er fasste sich an die Stirn. »Ich bin noch bei der Auffahrt.«
Gisbert betastete seine Pusteln unter dem Lid und wischte sich eine Träne von der Wange.
Bernd blickte den Abhang hinunter. »Kennst du die Brataner?«
»Nein.« Der Sonnengebrannte fasste sich in Geduld.
»Die Brataner ...«, Bernd schaute wieder nach unten, ohne den See zu erkennen, »... mästeten Menschen mit Triefaugen und schlachteten sie.«
»Um sie dann zu braten. Daher der Name wie? Dergleichen Legenden dienten den Koloniasten, Anderslebende auszurotten oder umzuschulen.«
»Du hast vollkommen Recht.« Bernd prostete ihm zu.
»Gut, dein Singapore Sling.«
Bernd hielt sein Glas ans Ohr. »Horch, wie er singt.«
»Darauf fall ich nicht rein. Ich beginne mit Hühnchen in Kokosmilch.«
Bernd nahm die Ablenkung auf. »Gado gado.«
»Schon wieder Gemüse. Brauchst du Vitamine?«
Bernd nickte ernsthaft. »Und Mineralien. Meine Nuggets sind alle.«
Sie orderten Bier, verzehrten die Vorspeisen und pafften gemütlich.
Gisbert streichelte seinen Bauch. »Jetzt ist mir nach Ente, scharf.«
Wie auf Zuruf erschien die Balierin um abzuräumen.
»Ich glaube, sie beobachtet uns.«, sagte Bernd.
»Dich bestimmt.«
Bernd kramte in seiner Erinnerung. »Bebek«, lächelte er, »äh, spicy.«
Sie ließ ihren Finger über die Karte wandern und tippte auf Bebek.
»Pedas.«, nickte Gisbert.«
»Selamat malam. Die Herren wünschen scharfe Ente?«
Bernd stieß einen erstaunten Ruf aus. »Karong, welch eine Freude! Nimm Platz. Gisbert, das ist Karong. Karong, das ist Gisbert.«
Der Balier ließ seine makellosen Zähne blinken und drückte ihre Hände.
»Da sind wir ja bestens eingekehrt. Karong hat Angela aus den Fluten von Kuta gezogen, als sie zu sinken begann«, sprudelte Bernd hervor.
»Wo warst du denn?«, erkundigte Gisbert sich beiläufig.
»Im Café. Ich hab den Eintrittspreis gespart.«
Gisbert guckte, als säße er beim Beruferaten.
Bernd überlegte. »Ursprünglich wolltest du erst morgen kommen.« Karong zeigte ins Haus. »Heute Familienfeier. Morgen Ruhe.«
Morgen Ruhe, wiederholte Bernd in Gedanken. Die Worte hallten Sekunden durch sein Gehirn, bis vor seinen Augen Konturen entstanden.
»Angela und Ruth sind faul. Liegen in der Sonne, schwimmen und unterhalten sich. Kein Surfen«, berichtete Karong lächelnd.
Bernd sprach blasiert durch die Nase. »Die Bronzegirls von heute sind die Dörrpflaumen von morgen. Ganz ähnlich bewältigt Recke Gisbert die Natur. Er schlief heut drei Stunden Auge in Auge mit der Sonne.«
Gisbert schüttelte unwirsch den Kopf. »Plauderkoffer.«
»Ben ist immer lustig.«
Bernd spreizte sich wie ein Pfau.
»Ich muss noch helfen. Die scharfe Ente, gegrillt oder gebraten?«
»Gegrillt!«, antwortete ihm ein begeisterter Chor.
Gisbert rieb sich die Hände.
»Schade, daß man so wenig sieht.« Bernd beugte sich zum wiederholten Mal übers Gitter. »Ich ahne Lichter, doch ich kann sie nicht ausmachen.«
»Orientierungsverlust führt leicht zu Panik.«
Bernd hatte ein Stichwort gefunden. »Die Sprache ist häufig klarer als die Wissenschaft. Die Orientierung nach dem Osten zu benennen, scheint mir bezeichnend für eine naturverbundene, emotionale Logik.«
Gisbert hielt sich die Ohren zu.
»Was ist?«
»Der Aufschrei organisierter Schulwissenschaftler drang in mein Ohr. Widerspruch in sich. Weibliche Emotion und männliche Logik in einem.«
»Die Trennung ist abstrus. Die Androgynen sind eh die Schönheiten der Zukunft. Aber zu deinen Schulwissenschaftlern. Wir wollen doch unsere Einsichten und Erfahrungen nicht einem Messsystem ausliefern, dass sich Männlein geschaffen haben, um ihre Theorien zu verifizieren. Sie zappeln in ihrem Koordinatennetz und bauen auf die Descartes-Adaption.«
»Die da lautet?« Gisbert hatte aufgepasst.
»Ich bin nun mal da, also werd ich wohl auch denken.«
Gisbert brach in schallendes Gelächter aus. »Ja, das Spezialistentum ist einer der Tricks, um das Denken zu verhindern.«
»Du klingst wie Herr Horkheimer.« Bernd erhöhte den Sprechtakt. »Um nicht doch in den Strudel der Fassungslosigkeit zu geraten, schalten sie die meisten Empfindungen aus, leugnen das Unmessbare – oder besser das Unermessliche – und verketzern die Freidenker. Sie opfern ihrem Götzen ›Abstraktion‹ den letzten Rest individueller Meinungsbildung.«
»Das sind die wahren Theologen.«, warf Gisbert ein.
»Konformisten. Abstrahieren heißt abziehen«, fuhr Bernd fort, »sie ziehen solange ab, bis die ursprüngliche Vielfalt für sie gegenstandslos geworden ist. Piranja-Mentalität. Und was bleibt übrig?«
Gisbert ergriff beherzt die Chance der Zwischenfrage. »Ja was?«
»Bade im unteren Amazonas. Du wirst zum Skelett. Da wir gerade bei körperlichen Veränderungen sind. Ein kanadischer Anthropologe hat ausgerechnet, dass der Durchschnittskanadier nur einen Hoden besitzt.«
Gisbert krümmte sich. »Ei, wie konnte das geschehen?«
»Bebek barbecue.« Die Balierin balancierte ein Tablett. Die beiden machten »Ah« und »Oh« und verteilten knusprige Ententeile mit Reis und gedünsteter Ananas.
»Was ich dir unbedingt sagen muss, Gisbert.«
Der Korpulente erschrak und machte eine abwehrende Handbewegung. Ein Stückchen Ananas fiel von seiner Gabel.
Bernd hauchte sanft über den Tisch. »Lass es dir schmecken.«
Sie speisten wie die Rajas, putzten alle Schüsseln leer und schickten zum Zeichen ihrer Sättigung zwei Rülpser in den Kessel. Sie rückten vom Tisch ab, um ihren Bäuchen mehr Entfaltung zu gönnen. Ein frisches Bintang zischte, und Karong gesellte sich zu ihnen.
»Ben, gefällt es dir hier?«, fragte er.
Bernd nickte mechanisch und ritzte Zeichen in seinen Bierdeckel. In die Mitte einen kleinen Kreis, drumherum einen Bogen, der mit dem Filzrand einen Halbmond bildete. Eine Linie vom inneren Kreis durch die Mitte des Halbmonds bis an den Rand. Hier verharrte sein Fingernagel. »Ich muss nach Trunyan. Es wäre schön, wenn du mich begleitest.«
Karong starrte versunken auf den Bierdeckel, in den Bernd den Kessel mit Vulkan und See gekerbt hatte. Nach einer Minute hob er den Kopf und schaute in Bernds Augen. »Es ist gefährlich.«
»Ich habe keine Alternative.«
»Die Aga mögen keine Fremden.«
»Du warst schon mal drüben?«
Karong nickte. »Ich habe früher dort mit Manim gefischt.«
»Können wir ihn besuchen?«
Karong schüttelte den Kopf. »Er ist tot.«
Bernd vertraute seinem Gefühl, nicht weiter zu bohren. »Bitte, Karong!«
»Ich kann die Verantwortung nicht tragen, Ben.«
Bernd schaute lange in die Augen des jungen Baliers. Endlich öffnete er den Verschluss seiner Oberarmtasche. Das Leinen wellte auf. Behutsam zog Bernd die Hand heraus und ließ die Faust auf den Bierdeckel fallen. Der Handrücken senkte sich, die Finger glitten nach außen, die Hand hob ab. Auf dem Filz glitzerte der rotbraune Stein.
Karong starrte auf das Relief. Seine Augen glänzten. Sein Mund schien die Worte aus einer anderen Welt zu holen. »Der Thron der Balyan. Aus dem Stein der Aga.«
Der Stein von Trunyan
Bernd nutzte die 31. Umdrehung vom Bauch auf den Rücken und krabbelte aus dem Bett. Dem Helligkeitsgrad nach zur üblichen Zeit. Diesmal ließ er seinem Körper keine Leidensbekundungen durchgehen. Er hatte sich mit Karong gegen 15 Uhr verabredet. Gisbert hatte darauf bestanden, sie als »würdige Eskorte« zum Ufer zu geleiten. Zeit genug, um gemütlich zu frühstücken. Doch er begriff schnell, dass dieser Tag mit Ausspannen nicht das Geringste zu tun hatte. Aufgedreht flitzte er durchs Zimmer und kontrollierte zum zigsten Mal sein Marschgepäck: Wassertabletten, Mehrzweckmesser, Nylonschnur, Taschenlampe und Feuerzeug, Nägel nebst Drahtschlaufe. Er konnte sich nicht vorstellen, irgendetwas davon zu brauchen. Karong hatte von zwei Stunden Aufenthalt gesprochen; länger sei die Geduld der Ureinwohner nicht zu beanspruchen.
Beim Frühstück wirkte Bernd geistesabwesend. Er streute Zucker übers Brötchen, mischte Orangensaft mit Kaffee und zerknetete ein hartgekochtes Ei mit der Gabel.
Gisbert fühlte sich prächtig unterhalten.
Als Bernd eine geschälte Mango vom Teller glitschte und er dem Freund die Frucht in die Hand drückte, brauste der Angeschmierte auf.
»Wenn du mir noch mal eine klebst!« Gisbert wartete, dass sein Kumpel ins Frotzeln einstieg. Er grapschte Reiskekse von Bernds Teller.
»Was soll das?«, raunzte Bernd verstört.
»Ich brauch Ballaststoffe.«
»Zehr von deinen.«
Gisbert verlegte sich auf beruhigende Grunzlaute. »Ja, ja. Nu mach mal in Ruhe. Keine Hektik. Auf fünf Minuten kommt es nun wirklich nicht an.«
Bernd hetzte schwitzend zwischen Bad, Garten, Bibliothek und Zimmer umher. Als er nach dem dritten Duschen im Vorbeirauschen Gisberts Cola leerte, war es mit dessen Geduld vorbei.
»Brauchst du vielleicht noch einen Testamentsvollstrecker?«
»Dein vollgesteckter Körper, immenser Buddha, ist mir Testament genug.«, baffte Bernd zurück.
»Entschuldige, aber deine Nervosität steckt mich an.«
»Ich dachte, gegen so profane Gefühlswallungen wärst du immun.«
»Welch ein Glück, dass Karong dich über, pardon, hinführt. Sonst hätte ich mich glatt noch breitschlagen lassen.«
Bernd musterte ihn anzüglich. »Überflüssig. Träum was Schönes.«
»Sobald ihr weg seid. Ich brauch nämlich kein Kindermädchen.«
»Contenance, mon chèr.«
»Ausgerechnet.« Der Dicke winkte ab.
In diesem Moment betrat Karong den Garten. »Selamat sore.«
Gisbert atmete auf. »Dein Gefährte steht kurz vor dem Ausbruch.«
Der junge Balier zeigte zum Batur, über dem dunkle Wolken aufzogen. »Davor sind wir drüben sicher, aber es wird regnen. Ben, alles okay?«
Bernd nickte ergeben. »Ich hol nur schnell einen Hut.« Er stürmte los. Sekunden später erschien er unter einem Stanton mit breiter Krempe.
Gisbert zog einen Brokatschal mit Fransen aus seiner ausgebeulten Beintasche. »Hier, Indiana, eine kleine Beigabe.«
Bernd war gerührt. »Du willst mich schmücken, Edler?«
Karong nickte anerkennend. »Ein Selendang für den Besuch des Tempels. Aber in den Pura Puser Jagat kommt kein Fremder.«
Die Drei brachen auf. Die ersten Tropfen fielen.
»Dreimal duschen war überflüssig«, hänselte der Dicke.
Sie erreichten das Ufer an der Bucht der heißen Quellen. Die Händler flüchteten sich unter die Zeltdächer. Es klatschte.
Karong zeigte auf einen Kahn mit kleinem Außenborder. Er löste das Tau vom Uferpfahl und setzte sich auf das hintere Querbrett.
Buddha nahm Bernd in die Arme. »Ich warte mit dem Essen.«
Bernds Augen wurden feucht. »Iss was zwischendurch. Den Apéritif kannst du auch schon nehmen.«
»Lass dich nicht unterkriegen. Keine Panik. Erkenntnis benötigt Zeit und Ruhe.« Er hob ein imaginäres Glas. »Singapore!«
»Sling!« Bernd lächelte und war mit einem Satz im Boot.
Karong warf den Eintakter an. Eine Zeitlang schipperten sie am Ufer entlang. Auf der Höhe von Penelokan drehte der junge Balier das Boot zur Seemitte. Mehrfach guckte er ins Wasser. »Siehst du die Mauer?« Bernd beugte sich über den Bordrand und erfasste einen Schatten.
Karong fuhr fort. »Die Mauer von Penelokan, bevor der See stieg.«
»Vor dem letzten Ausbruch?«
Der Balier verzog die Lippen. »Die Leute erzählen viele Geschichten. Gleich fahren wir über die versunkene Stadt.«
Bernd drückte den Rücken durch. »Wann ist sie untergegangen?«
»Meine Großmutter erzählte, zu Beginn des Reichs von Majapahit. Andere sagen, Siwa hätte den Batur über die Unseligen gegossen.«
Der Bug des kleinen Bootes zeigte auf die Steilwand, hinter der sich der Abang erhob. Der Wind trieb prasselnde Schauer nieder. Schwaden tanzten übers Wasser. Schaumkronen quirlten auf den Wogenkämmen.
»Fehlt nur noch ein Gewitter!« Bernd brüllte und sah Karong am Steuer eingesunken. Er ertappte sich bei dem Gedanken, der Junge ginge über Bord, der Motor verpuffte und er trieb in der Nussschale, den Gewalten ausgeliefert. Er schrie dreimal »Scheiße!«
Die Wolken dräuten über dem Kessel. Ein leichter Schein blakte aufs Wasser. Das Tuckern des Motors brach ab.
Bernd wirbelte entsetzt herum, fasste sich jedoch, als er den routinierten Griff des Baliers nach den Rudern bemerkte. Er knotete Gisberts Schärpe um seine Leinenjacke. Als er wieder aufsah, entdeckte er schwarze Pfähle. Rippen ragten über das Ufer. Netze, Taue und Bastkörbe hingen herab. Drei Einbäume schaukelten im Wasser. Im Näherkommen wurden die Rippen zu brüchigen Stegen. Felsbrocken, wie von Riesenhand an Land geworfen, ruhten im Matsch der Böschung. Es roch nach zersetztem Eiweiß. Kein Mensch. Kein Licht. Die Anlegestelle schien aufgetaucht, um bald wieder in der Tiefe zu versinken.
Bernd verspürte den dringenden Wunsch, umzukehren und mit Gisbert zu dinieren. Der Balier drehte das Tauende zu einer Schlinge und machte das Boot am mittleren Landungssteg fest.
Der Ort klemmte in der hochragenden Bergwand, deren graugrüner Bewuchs wie wuchernde Wolle hervorquoll. An den Seiten der Siedlung versanken die schroffen Felsen im Wasser. Vor sich hatten die Bali Aga den dunklen See und dahinter drohte der Batur. Das Dorf war hermetisch abgeriegelt.
Vorsichtig tastete er sich über den seifigen Steg und betrat die Erde von Trunyan. Er nahm den Hut ab und wischte sich Schweiß und Wasser aus dem Nacken. »Auf in den nächsten Warung!«, scherzte er.
Karong lächelte zum ersten Mal, seit sie in den Kahn gestiegen waren. Er zeigte zurück zum anderen Ufer. »Dort sind die Warung.«
»Sind die Bali Aga Selbstversorger?«
»Sie fischen und pflanzen Kohl, Zwiebel und Knoblauch.«
»Das ist mir jetzt zu streng. Dann bummeln wir mal durchs Dorf.« Bernd marschierte an einem baufälligen Schuppen vorbei und sank im Morast ein. »Lauschiges Plätzchen«, brummelte er. Karong folgte dicht auf. Der Regen strömte lautlos. Neben ihnen schlug eine Tür zu. Bernd grätschte in Deckung. Karong überholte ihn und ging voran.
Der Weg mündete in eine Gasse. Einstöckige, gemauerte Häuser mit niedrigen Türen standen am Rand. Die Dächer waren mit Schindeln und Reisstroh gedeckt, Bretterverschläge und Schuppen waren fugenlos zwischen die Mauern gepresst. Wasserfäden rieselten von den Strohdächern.
Karong zögerte, bog nach links und blieb dann stehen. Bernd wollte grade seinem Unmut Luft machen, als eine Pforte knarrend aufsprang. Instinktiv zog er den Kopf ein. Die Hutkrempe berührte die Schultern.
Eine knorrige Hand legte sich auf das Stützbrett der Tür. Unter dem Balkensims erschien eine Gestalt, in einen braunen Mantel gehüllt. Halstuch und Kopfband verdunkelten das Gesicht. Die braune Hand wischte durch die Luft. Ein heiserer Laut drang aus der Vermummung.
Karong nickte und sagte: »Wir dürfen rein.«
Bernd folgte in würdevollem Abstand. Vor der Schwelle hielt er, um dem Gastgeber den Vortritt zu lassen. »Selamat sore.«, grüßte er und blickte in glanzlose Pupillen, die unmissverständlich in die Kate wiesen. Karong hatte vor einem klobigen Tisch haltgemacht, der die Wohnstube beherrschte. An den Längsseiten standen je zwei Stühle, der fünfte vor dem Kopfende. In die hintere Wand war ein Kamin mit schrägem Sturz eingelassen. Auf der Feuerstelle schwelten verkohlte Holzscheite. Verbeulte Töpfe und zwei Pfannen hingen am Rost. Daneben lehnte eine Bretteranrichte mit Geschirr, Gläsern und Gefäßen. Zu beiden Seiten des Kamins waren Holztüren in die Mauer gefugt. An den Seitenwänden des Zimmers lagerten Kisten, Säcke, Holzstapel und korbähnliche Behältnisse. Das Zwielicht der schmalen Fensteröffnungen und Öllampen tauchte den Raum in einen gespenstischen Schimmer. Bernd roch Knoblauch und ein brenzligsüßes Kraut.
Die rechte Tür schwang auf, und eine Frau in langem Gewand trat ein. Sie hatte ein dreieckiges Schultertuch wie eine Kapuze um Kopf und Hals geschlungen. Die Trunyanerin trottete zum Stuhl ihres Mannes.
Bernd setzte sein obligatorisches Lächeln auf.
Eine Handbewegung des Hausbesitzers gebot den Besuchern, sich zu setzen. Der Mann knurrte, worauf sich seine Frau mit einem Kessel zu schaffen machte. Er nahm am Kopfende Platz und sagte: »Saya Ketut.«
Bernd widerstand der Versuchung, sich nach dem Wohlergehen der drei Geschwister zu erkundigen. Er stellte sich mit einer Verbeugung vor. Darauf ließ sich Ketut zu zwei Sätzen herab.
Karong übersetzte. »Er hat mich wiedererkannt und bietet uns Schutz vor dem Regen.«
»Und lädt uns zum Tee ein«, ergänzte Bernd vorwitzig.
»Gleich hört der Regen auf.« Karong klang bedenklich.
Bernd lächelte Ketut dankbar an. Während sie Tee brühte, tasteten Bernds Augen zum wiederholten Mal die Steinwände ab. Er fühlte sich beobachtet. Folgte irgendwas seiner Radarrunde? Als die Frau den dampfenden Tee in Tontassen schüttete, lugte er unter ihrem Arm zur Wand. Ein Sack bewegte sich. Bernd verkrampfte sich. Spielten seine Sinne verrückt? Hatte der Dampf seine Sicht getrübt? Er versuchte ruhig zu atmen und seine Augen auf die Entfernung einzustellen.
Karong stieß Bernd sanft an. »Er fragt, was du hier willst?«
»In den Tempel.«
»Unmöglich!« Karong betrachtete ihn, als wäre er von allen guten Geistern verlassen.
Bernd ärgerte sich, seinen Freund vorher nicht buchstabentreu interviewt zu haben. Mit asiatischer Zurückhaltung kam er hier nicht weiter. Zu seiner Überraschung vernahm er von Karong das Wort Pura.
Im selben Moment fuhr der Bali Aga hoch. »Tidak boleh !«
Die schroffe Haltung machte jede Übersetzung überflüssig.
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