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Miss Klon
(Inhaltsauszug  Seiten 52 bis 72)
(Der Umbruch erfasst nicht die Einzüge des Romans)

DAS VERHÖR

Canterbury Inn; 1 p.m.

Das bunte Glas der Butzenscheiben färbte die Dunstschleier des Rauchzimmers. Klobige Ledersessel umrandeten den Kamin. Ein bulliger Mestize mit gelblichem, prallem Gesicht und wulstigen Lippen stützte sich auf den Kaminsims. Nach jedem Zug aus seiner Havanna drehte er das Tabakblatt mit dem Blick zwischen Daumen und Fingern, den man für eine besonders gelungene Schöpfung verwendet. Ein Hüsteln drang aus der Kehle einer blonden Frau, deren wogender Kaschmirpulli die Atemfrequenz ihrer Lunge offenbarte. Das blasse Gesicht stand ganz im Schatten der gespritzten neonpinken Lippen. Bevor sie diese öffnete, rollte sie sie erst eine Zeit gegeneinander, als wollte sie den Lippenstift gerecht verteilen. Die starre Haltung ihres Rückens, der fünf Zentimeter vor der Stuhllehne verharrte, stützte sie mit gespreizten Fingern auf der grüngoldenen Lederintarsie des Mahagoni-Schreibtischs ab. Ein Schmatzen durchdrang immer dann den Raum, wenn sie ihre Hände löste und einen neuen Halt ins Leder drückte. Sie litt unter einer Spannung. Ihr Blick schweifte von ihrem Handy zu dem messingblonden Haaransatz eines hochgewachsenen Mannes am Fenster. Sein Anzug wies kein Fältchen auf. Der Mensch machte den Eindruck, als lasse er auch in Zukunft nicht die geringste Unebenheit zu. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, waren glatt wie die Glieder einer Kosmetikpuppe. Er starrte nachdenklich auf den trägen Fluss. Blaue Augen, die an gefrorene Seen erinnerten, beherrschten ein Gesicht perfekter Proportionen. Er rührte sich.
"Chang äußerte den Verdacht, dieser Biostratege könnte unsere Klonpuppe manipuliert haben." Seine Stimme klang mechanisch.
"Wie?"
Der Höker seufzte nachsichtig. "Das herauszufinden sind wir hier."
Der Untersetzte knurrte seine Zigarre an. "Hauptsache, wir halten den Termin."
Langsam drehte sich der Große zum Kamin. Die Brauen hoben sich, seine Stimme war kaum zu hören. "Kein Risiko, Fletscher, hütet Euch vor Selbstgefälligkeiten. Die Trägen werden untergehen. In Tan steckt die Arbeit von Jahrzehnten."
Fletscher nahm die Hacken zusammen. "Die beiden Mädchen sind unschätzbar. Deshalb haben wir sie isoliert. Ich habe begriffen, Ohair. Das Unternehmen hat absoluten Vorrang."
"Falls wir es mit dem dritten Projekt kombinieren, sind wir allmächtig." Sein Blick verklärte sich. Die Eisaugen tauten.
Das Schmatzen vom Schreibtisch-Leder klang zustimmend.
"Wie stehen die Chancen?"
"Wir kaufen sie." Er wandte das Gesicht ab. Das Thema schien erledigt.
Die Blonde mit den Blubberlippen betätigte eine Glocke. Die Tür öffnete sich, eine Kellnerin mit weißer Schürze auf schwarzem Rock stellte ein Tablett mit vier Gläsern auf den Tisch und verließ den Raum.
Der Höker füllte die scharf geschliffenen Gläser mit bernsteinfarbenem Sherry. Auf ein erneutes Klopfen befahl er: "Come in!"
Ein merkwürdiges Gespann betrat den Raum. Obwohl die zwei Gestalten keine körperliche oder sonstige Verbindung hatten, wurde deutlich, dass die kleinere die lange in ihrer Gewalt hatte. Ängstlich blickte der leicht schwankende Mann auf seine Wärterin herab. Ihre federnden Knie schienen die öligschwarzen Haarspitzen beben zu lassen. Obwohl sie lockere Kleidung trug, spiegelte jede Faser ihres kompakten Körpers Kraft und Geschmeidigkeit. Das runde Gesicht hinter einer gigantischen Sonnenbrille war unverwandt auf den Höker gerichtet.
"Danke, Mon." Mit einer einladenden Geste wandte sich Ohair an den langen Schlotternden. "Cristopher Warren, unser Molekularbiologe, empfohlen von Horizon Orga Gen. Meine Assistentin Paula van Dyk, unser Attachée Brian Fletscher."
Schmatzend hob die rechte Hand Paulas vom Tisch. Es war unklar, ob sie Mon verabschiedete oder Cristopher grüßte. Sie ließen sich nieder. Fletscher schluckte, die anderen nippten.
Ohair dehnte seine Lippen um zwei Millimeter. "Essen sie mit uns?"
Cristopher schien keiner Reaktion fähig.
Die Bedienung führte die Order aus. Sie aßen schweigend. Das Schmatzen von Paulas Unterarm, wenn sie ihren Löffel zum Mund führte, glich der Monotonie eines Uhrwerks. Cristopher verschmähte die Suppe.
Nach dem Hauptgang richtete Ohair seine Augen auf den Gast.
"Wir haben Sie eingestellt unter dem Dogma der Loyalität. Zwei Tage vor dem Aufwecken zeichneten die Rechner Ihre Anwesenheit auf."
Cristopher presste die Lippen aufeinander.
"Sie waren nicht befugt, allein in Tans Zimmer zu arbeiten."
"Ich habe nur die Chronologie der Lernprogramme kontrolliert." Im Zittern seiner Stimme klang die Entschuldigung lächerlich.
"Dafür haben Sie einen Tag Urlaub genommen." Ohairs Gesicht zeigte keinerlei Regung. "Sie haben die Wachstumsdiagramme gesichtet und die Videoprojektion verändert."
Cristopher schwieg.
Der Höker tupfte zwei Krümel von der Lippe. "Sie sind fertig. Das Restgehalt überweisen wir Ihrer Mutter."
Fletscher hielt beim Entzünden seiner Zigarre inne. Paula machte sich eine Notiz.
Gutgelaunt drückte Ohair den Knopf der Messingglocke. Der eintretenden Serviererin gab er Nachtisch, Kaffee und Whisky in Auftrag. Cristophers Hinfälligkeit schien für einen Moment von einem Hoffnungsschimmer überdeckt. Er versuchte, die wächserne Maske seines Gegenübers zu deuten. Paula hatte die Augen geschlossen.
"Wir haben ihren Körper vermint." Ohair blickte seinen Gast freundlich an, sein Tonfall war unverändert sachlich. "Ihre Immuntoleranz ist beendet. Die Makrophagen erkennen Ihre Körperzellen nicht mehr. Die Autoaggression zerstört Ihr Gewebe. Der kritische Punkt dürfte in wenigen Stunden erreicht werden." Ohair beugte sich angelegentlich vor. "Spüren sie schon was?"
Cristophers Augen traten aus den Höhlen. Seine Lippen bebten.
"Sie haben zwei Möglichkeiten. Sie lassen sich von uns in eine Zelle bringen, wo sie in der Gewissheit abzuleben beobachten können, wie sich ihre Fresszellen über Ihren Organismus hermachen." Er machte eine Pause, als gönne er Cristopher Bedenkzeit. "Oder Sie nehmen diesen gediegenen Revolver", im Nu hatte er die Waffe auf den Tisch befördert, "und beenden Ihr Dasein jetzt, wo es noch Sinn macht. Letzteres gestatten wir nur, wenn Sie gestehen."
Fletscher hob zu einem Gegacker an, das abrupt verstummte, als ihn der Blick des Hökers traf.
Cristopher stöhnte. Ein Schweißtropfen löste sich aus seinem schütteren Haar. "Ich habe nichts verändert."
"Aber sie hatten den Auftrag."
Er nickte kraftlos auf den Teller.
"Von wem?"
Der Verhörte schüttelte den Kopf.
"Nun gut."
Die Assistentin griff zum Handy. Cristopher spannte die Muskeln. Ein letzter Anflug von Entschlusskraft stabilisierte seine Haltung. Der Höker gebot Paula Einhalt. Nichts in seiner Gestik verriet Ernst oder Anspannung.
Cristopher musterte seine Quälgeister mit hasserfülltem Gesicht. Sein Blick blieb an Ohair hängen. Die Wut lieh ihm Kraft. Im Überschwang erlag er der Illusion, er bestimme erstmals den Handlungsablauf. Er bot seine gesamte Konzentration auf, den Blick auf den Revolver zu kaschieren. "So, du willst wissen von wem?"
Der Höker nickte aufmunternd.
"Oh ja, ihr habt mächtige Gegner, Gegner, die Ihr nicht kaufen oder konditionieren könnt ..."
Ohair prostete ihm verständnisvoll zu.
" ... die im richtigen Moment zur Stelle sind!" Sein Körper zuckte über den Tisch, er riss den Revolver an sich und richtete ihn auf den Höker. Seine Züge verzerrten sich in verzweifeltem Triumph.
Ohair lächelte über ihn hinweg.
Cristopher hatte das Gefühl, in künstliche Augen zu blicken. Er überschrie seine Angst. "Du bist vor mir dran."
Er zog ab, es klickte. Entsetzen überfiel ihn, dann richtete er den Lauf in wilder Panik auf den sich den Bauch haltenden Fletscher. Wieder klickte es. Hohntriefendes Gelächter antwortete. Ohair führte sein Glas zum Mund.
Wild mit dem Lauf fuchtelnd drückte Cristopher ab. Dreimal traf der Hahn ins Leere. Wimmernd fiel der lange Biologe in seinen Stuhl, kraftlos öffneten sich die gespannten Finger, klackend fiel die Waffe auf den Tisch.
Fletscher wischte sich die Tränen aus den Augen. Paula steckte ihre Zigarettenspitze zwischen die rollenden Lippen.
Behutsam schenkte Ohair nach. "Von wem?"
Die Augen des Biologen irrten umher. Er war nicht mehr in der Lage, folgerichtig zu antworten.
Ein Türkis-Reflex blitzte am Fenster auf. Silberne Haarspitzen streiften den Rahmen. Eine geaderte Marmorschläfe drückte sich einen Moment an die Scheibe.
Ohair beugte sich ein wenig vor. "Wir wollen Ihnen helfen."
"Äußern sie sich, Mann!"
Fletschers Befehl ließ Cristopher zusammenfahren.
"Möchten Sie vorher mit Ihrer Mutter sprechen?" Ohair deutete auf das Handy, ohne eine Antwort abzuwarten. Er schloss die Augen.
Paula reichte es herüber. Ungläubig betrachtete Cristopher das Handy, als müsse er sich erst über den Gebrauch klar werden. Im Zeitraffer zogen die Eindrücke der letzten Jahre vorüber. Ein Bild blieb: Die platinblonde Ärztin, die ihn angeworben hatte. Ihre feine dünne Haut. Ihr Verständnis. Er hätte alles für sie getan. Sie würde er anrufen. Zum Abschied. Wie in Trance tippte er die Tasten und führte das Gerät zum Ohr.
Ein Blitz zuckte aus dem Gehäuse. Der Kopf ruckte hoch als löse er sich vom Hals und fiel dann auf die linke Schulter. Der Geruch verbrannten Fleisches beizte den Zigarrenqualm. Mit einem Satz war Fletscher auf der anderen Tischseite und fühlte den Puls. Paula hielt die Hände von sich gestreckt, als wollte sie einen unsichtbaren Gegner abwehren. Der Höker hatte seinen Kopf zum Fenster gedreht.
"Er ist tot." Fletscher war außer sich. "Was war das?"
Ohair zündete sich eine Zigarette an. "Eine Art Stromschock, ausgelöst durch eine Zahlenfolge."
"Ohne Verstärker?"
"Im Fensterbereich, wahrscheinlich ein Impulskollektor."
Fletscher riss alle Flügel auf, untersuchte den bröckeligen Putz und fand einen faustgroßen Keil am Flansch der Regenrinne. Ungläubig starrte er die Beiden am Tisch an. "Dann hat jemand von dem Verhör gewusst."
Der Höker hob die Schultern an. "Das Gespräch mit seiner Mutter hätte ich gern verfolgt."


***


 Hammersmith, London; Labor 2 p.m.

"Bekommt sie Antidepressiva?"
"Sie weigert sich."
Miller rückte die dickrandige Brille zurecht, kratzte seinen Scheitel und musterte die blond gefärbte Gesprächspartnerin, als zweifelte er an ihrer Kompetenz. "Mrs. Wright, sie werden einen Weg finden, eine dreizehnjährige Indonesierin zu konditionieren, nicht wahr."
Ihre Hände beulten die Taschen des weißen Kittels aus. Sie blickte sekundenlang in seine wässrigen Augen, nahm ihre dünne Brille ab und putzte sie, bevor sie sich wieder ihrem Diskussionsobjekt zuwandte.
Sie standen vor der Scheibe, die Einblick in einen grellen Raum gewährte. Die weiß gekachelte Zelle wurde von einem Oberlicht erhellt. Hellgraue Metallschränke, ein Bett, eine Zweiercouch, Tisch und Stuhl sowie eine Videoanlage bildeten das Mobiliar. Zwei Türen unterbrachen die glatten Wände, eine führte neben dem Spiegel zum Labortrakt, die andere zu einer Toilette mit Dusche. Auf dem Tisch standen ein Teller mit Pommes Frites und ein halbvolles Glas Wasser neben einem Tablett. Die Gestalt auf der Couch lag im krassen Gegensatz zu ihrer Umgebung. Obwohl tief ins Polster gesunken, die Hände übereinander im Schoß, wirkte sie hellwach und sprungbereit. Ihre ungewöhnlich dunklen Augen strahlten aus tiefen Höhlen. Die Lider verengten sich am Tränenpunkt, die zarten schwarzen Brauen schweiften zur Schläfe aus. Der intensive Blick wurde durch den kecken Schwung der Nase mit kreisrunden Löchern ein wenig gemildert. Das dichte schwarze Haar war zu einem Zopf geflochten. Sie hatte die Beine weit von sich gestreckt, die nackten Fußsohlen zeigten zum Spiegel.
"Manchmal ist mir, als ob sie uns beobachtet." Die Laborantin rollte ihre Schultern, als enge sie der Kittel ein.
"Unmöglich. Isst sie?"
"Widerwillig."
Miller rückte seine Brille zurecht. "Lassen Sie ihr Essen vom Indonesier zubereiten. Viel Reis. Bringen Sie ihr Süßigkeiten, Cola ..."
"Cola lehnt sie strikt ab."
"Sie lehnt Cola ab?" Miller schien am Ende seiner Begriffsfähigkeit. "Wieso schaut sie kein MTV und das moderne Zeug?"
Mrs. Wright zog die Stirn in Falten. "Wayan fühlt sich hier nicht zuhause. Den ersten Hamburger hat sie mit dem Absatz breitgetreten. Ziemlich ausgelassen für eine Asiatin." Sie schaute ihren Vorgesetzten fragend an.
Miller bekam runde Augen. "Seltsames Kind. Fragen Sie Chang."
"Ich halte sie für älter. Vielleicht sollte ich ihr London zeigen. Ein bisschen Szene, Camden Town. Musik mag sie schon. Zumindest summt sie oft."
"Hospitalismus?" Miller schien sich selbst zu fragen und schüttelte entschieden den Kopf. "Auf keinen Fall. Draußen ist sie in Gefahr. Also beschäftigen Sie unsere Patientin. Gehen Sie mit ihr im Garten spazieren. Sie kann mit einem der Lemuren spielen. Nehmen sie Toni. Sie muss entspannen. Morgen setzt Chang die Untersuchungen fort."
"Wie hat man Wayan entdeckt?"
"Routine."
"In einem indonesischen Kinderkrankenhaus?"
Millers Brust hob sich. "Das Kartell überwacht alle Extraordinarien im Zuge der Genomisolierung. Die Kleine stammt aus einem Bergdorf. Je abgelegener, desto unversehrter, indigen. Wesentlich intensivere Reaktion auf Fremdeinflüsse."
"Und stimmt es, was man von ihr erzählt?"
Miller nickte dermaßen heftig, dass seine Brille ins Rutschen geriet. "Ihr System scheint den Generalschlüssel zur Erkennung der Virusvariablen zu besitzen."
"Unglaublich." Wright streifte die Asiatin mit einem bewundernden Blick. Nachdenklich zog sie ihren rosa lackierten Zeigefingernagel über den Brillenbügel.
"Die Impfstümpereien wären mit einem Schlag aus der Welt. Chang hat immer behauptet, die Natur arbeite schneller als die Wissenschaft."
"Sie bewundern ihn?" Sie blickte zu ihm auf, als könne sie eine solche Haltung nachvollziehen.
Miller trat einen Schritt zurück und schloss den unteren Knopf seines Kittels. "Chang wird sein Ziel erreichen. Egal, was ... " Er brach ab, als Töne aus dem Nebenraum klangen.
Das Mädchen hatte sich erhoben und bewegte die Hüften in einem sirenischen Takt. Die kurzen Rippen schienen über die Beckenknochen zu rollen. Dennoch blieb der Nabel an der gleichen Stelle. Er war der Mittelpunkt, die Achse, um die sich alles drehte. Die Melodieschleife kreiste chromatisch um einen fagotten Ton. Allmählich beschleunigte sich der Grundrhythmus zu einem Rolltakt. Die Zehen und Fersen lösten sich vom Boden, die Füße bewegten sich auf den Ballen. Sie hob die Arme über den Kopf und ließ die Finger aus den Händen wachsen. Sie streckten sich, als erwachten sie aus ihrer Trägheit, entwickelten Figuren und Formen in völliger Unabhängigkeit. Die Glieder beider Hände spiegelten die Formationen. Die Antriebskraft strahlte aus dem Bauch. Wie ein Baum fächerten die äußeren Glieder die Kraft des Zentrums. Ihre Wimpern überschatteten die Augen, so dass die Pupillen im Dunklen lagen. Der Mund war geschlossen, die Töne hallten aus dem Körper. Ihr Antlitz ruhte in vollkommener Harmonie. Der Rhythmus hatte jetzt seine Drehzahl erreicht. Obwohl Füße und Hände ständig neue Figuren bildeten, war die Melodie in ihren beschwörenden Kreis eingetaucht. Die Wiederholungen ohne erfindlichen Einsatz verstärkten die Entrückung.
Miller hatte die Augen aufgerissen und atmete durch den Mund, dass die Scheibe beschlug. Die Laborantin fächelte sich Luft zu. Sie zog an ihrem Rollkragen, als behebe sie damit die Ursache ihrer Beklemmung.
"Sie ist in vollkommener Trance." Ungläubig fügte sie hinzu, "in dieser Umgebung."
"Sie ist außer Kontrolle." Entschlossen schob Miller die Brille hoch und riss die Tür auf.
Die Laborantin sah ihn mit einem lässigen Gruß auf den Tisch zueilen, die Hand nach dem Tablett ausstreckend. Die Tänzerin gefror mitten in der Bewegung. Ihre Augen stellten sich langsam auf den Eindringling ein. Sie stand vor ihm, fast so groß wie er und sah durch ihn hindurch. Miller murmelte Unverständliches, wies fahrig auf die Videoanlage und nickte zum Abschied wie ein Oberkellner.
"Sie haben das Tablett vergessen." Wright gelang es nicht, den Spott ihrer Stimme zu übertönen.
"Ich bin in der Kantine, falls Chang anruft." Ohne sie eines Blickes zu würdigen, verließ er den Raum.
 
**

Berlin / Mönchengladbach; 22. 11 Uhr

"Hast du die Zeitumstellung schon verkraftet?"
Ein sehnsuchtsvoller Seufzer erklang am anderen Ende. "Ein paar Tage Thailand hätten uns sicher gut getan."
"Ja, ja, das holen wir nach." Die Stimme klang ungeduldig.
"Hast du den Aufenthaltsort ermittelt?"
"Morgen treff ich eine Gewährsfrau ..."
"Hüte dich vor den Waffen der Frau."
"Apropos - du sorgst für die Ausrüstung."
"Wie abgemacht."
"Hast du Kontakt gehabt?"
"Ständig."
"Du weißt, wen ich meine."
"Noch nicht."
"Mmh."
"Ich hab zwei Zimmer im Sandringham gebucht."
"Wo?"
"Sagte ich es nicht soeben?" Ein Kichern durchbrach die Leitung. "Hampstead Heath, über den Dächern von London. So abgelegen wie aussichtsreich. Übermorgen Abend?"
"Spätestens zum Frühstück."
"Bye."

***


 Nordhang des Kulen, Siem Reap, Kambodscha; 10 p. m.

Dumpfe Trommeln untermalten das Tuckern der Dieselaggregate. Bambusfackeln beleuchteten das Dschungelloch. Der leicht abfallende Platz schien von einer Urgewalt geebnet. Zimtene Teak-Stümpfe ragten aus dem Matsch. Schwämme, Pilze und Flechten glitzerten. Der gerodete Raum unter dem verflochtenen Pflanzendach des Dschungels war ein riesiger grüner Käfig. Verschlungene Lianen, Luftwurzeln und Rotanstrünke schienen sich im nassen Schimmer des Flackerns nach oben zu winden. An den Rändern patrouillierten bewaffnete Schwarzjacken, die Gesichter in karierten Schals verborgen. Am erhöhten Kopfteil des Platzes waren die Stümpfe mit Ästen und Latten zu einer Empore vernagelt. Davor bedeckten Bastmatten ein ebenes Rechteck, von Bambusstangen und Orchideenschalen begrenzt. Der niedrigste Teil der Dschungelrodung grenzte an einen Pfad, über den Jeeps und Transporter rumpelten. Entlang des Wegs standen Buden mit Dosenpyramiden, Flaschenreihen, Gebäck und bunten Süßigkeiten. Ältere Frauen, von Splitternarben und Geschwüren gezeichnet, boten ihre Waren feil. Zigarettenschachteln und Haushaltsutensilien, Kräuter und Öle, Nüsse und Trockenfisch lagerten auf Bambustheken. Glühende Kohlebecken heizten Stahlrippen, Riesenpfannen und Kessel.
Zwischen Freiluftküche und Ständen eilten Kinder in kurzen Hosen umher, um die Männer in weiten schwarzen Jacken mit Getränken, Reis und Fisch zu versorgen. Etliche von ihnen humpelten, manche hatten einen Beinstumpf mit Bast um ein Holzstück verlängert, zwei robbten nur auf Armen und Unterleib. Viele der fiebrig glänzenden Gesichter waren von Wundbrand entstellt, andere abgezehrt wie die Züge Malariakranker.
In der Platzmitte waren gefällte Stämme zu einem Stapel verkeilt. Aus einer Pyramide starrten dicke, metallene Rohre in die Höhe.
Etwas höher neben der Bühne übten Trommler und Flötisten, umgeben von jungen Mädchen, deren strahlende Schönheit ihrer Umgebung spottete. Die Ziehharmonikaborten der seidigen Brokatsarongs bildeten einen Puffer über dem Gürtel. Hautenge Tops verliehen den Oberkörpern einen Hauch Bedeckung. Dicke Armreifen zierten ihre schmalen Gelenke, Silberspangen klemmten in nackten Oberarmen. Auf dem hochgesteckten Haar trugen sie Kronen mit Messingbändern, Reliefs, Gemmen und glitzernde pagodenförmige Spitztürmchen.
Die Luft war von Fäulnis, Grillrauch und dem Duft nassen Holzes erfüllt.
Die Aufmerksamkeit der Händlerinnen und Schwarzuniformierten wandte sich der eintreffenden Jeep-Kolonne zu. Die Fahrer sprangen ab und öffneten die Hintertüren. Drei Thais und zwei Burmesen in Generalsuniformen, deren Haltung Unterwürfigkeit forderte, bauten sich vor den Wagen auf. Als ein trockener Trommelwirbel ihnen Achtung erwiesen hatte, grüßten sie herablassend und begaben sich zielstrebig über den Platz zur Empore. Zwei Zivilisten in beigen Baumwollanzügen, ein bulliger und ein sportlicher, braungebrannter Typ mit ausladendem Kinn, folgten in gemessenem Abstand.
Eine kleine, in schwarzes Tuch gehüllte Person trat aus dem Unterholz, einen Meter hinter einem Wachhabenden. Während dieser nichts ahnend weitertrottete, näherte sie sich einem Verkaufsstand. Eine Händlerin, das graue Haar mit einem Nylonstrumpf umwickelt, nahm erst von ihr Notiz, als das mit einem dunkelgrauen Gazeschleier verdeckte Gesicht sie ansprach.
In die Tänzerinnen kam Bewegung. Während die zwei jüngsten die Gäste mit Getränken bewirteten, bildeten fünf einen Stern auf der Bühne. Ein Scheinwerfer flammte auf und tauchte den Bastboden in fahles Licht. Aus der Erde aufsteigende Schwaden hüllten die Bühne in einen Nebelvorhang. Die Tanzgruppe schien auf ein Zeichen zu warten.
Der untersetzte Zivilist entzündete eine schlanke Havanna, paffte mit feisten Wangen, und wandte sich an seinen Nachbarn. "Nun, Hudson, habe ich zu viel versprochen? Der Treffpunkt ist so sicher wie die Genbank von Gayer."
Der Braungebrannte zog prüfend die Luft ein und musterte die Umgebung. "Ich weiß nicht, Fletscher, ich traue den Khmer Rouge nicht."
"Pah, sie werden sich nicht an ihren Finanziers vergreifen." Er leckte sich die wulstigen Lippen. "Genießen Sie die Anmut der Apsara, später werden Sie ihre Dienstleistungen bewundern können."
"Sind sie verfügbar?"
"Sieben Delegierte, sieben Tänzerinnen. Für jeden eine. Aber Spitzensorte. Absolut rein." Stolz betrachtete er das Deckblatt seiner Zigarre. "Die Qualität hat Kalifornien nicht zu bieten."
"Wer kommt vom Führungszirkel des Angka?"
Fletscher stellte eine kurze Frage an seinen anderen Nachbarn, einen Thai-General, und drehte sich wieder zurück. "Siridom sagt, das weiß keiner. Auftritt und Kader sind unvorhersehbar."
Mit einem Schrei platzte der Stern der Tänzerinnen auseinander. In ihrer Mitte waren drei Schwarze aus dem Boden gewachsen. Eine Frau und zwei Männer. Die Bastmatte wellte sich zu ihren Füßen. Die Generäle ließen sich ihre Überraschung nicht anmerken; sie neigten ihre Köpfe und führten die geschlossenen Hände zum Kinn. Fletscher und Hudson imitierten die Geste.
Der Soldat, der den Pfad kontrollierte, hatte beim Schrei von der Bühne und anschließendem Geraune kurz aufgemerkt, die Ankunft seiner Führer registriert und sich wieder auf seinen Weg gemacht. Er prallte auf ein Hindernis, die Waffe zuckte hoch. Urplötzlich stand eine Person vor ihm, die ihren Blick von oben in seine Augen bohrte. Zwei Finger stachen in sein Schlüsselbein. Er öffnete den Mund und klappte ihn tonlos wieder zu. Dann nickte er, als akzeptiere er einen guten Vorschlag und machte kehrt. Die breitschultrige Frau in schwarzgrün gefleckter Leinenjacke und schuppigem Kopftuch gesellte sich zu der Kleinen mit dem Gazeschleier.
Der braungebrannte Kalifornier versuchte angestrengt, den englisch klingenden Lautwechsel zwischen Fletscher und den Generälen aufzunehmen. Gleichzeitig war er vom Anblick der Khmer-Führerin inmitten ihrer Begleiter beeindruckt. Trotz des unverkennbaren Alters war ihre Haut glatt, und ihre Haltung wirkte aufreizend. Ihre starren Augen spiegelten Unnachgiebigkeit und Grausamkeit. Alle drei trugen mit einem Gürtel taillierte knielange Jacken über weiten Hosen und breite Stirnbänder.
Fletscher flüsterte eindringlich. "Sen und Thirit. Den Narbigen kennt anscheinend keiner. Die Thais sind perplex. Sie fühlen sich von ihrem Informationsdienst im Stich gelassen. Thirit, die Frau des Professors, galt als tot. Das Gerücht streute ihre Schwester von Peking aus, als sie sich abgeschoben fühlte. Demnach ist die Zelle nach wie vor intakt."
"Khieu Thirit, die Liane, verführerisch und tödlich." Hudson klang ehrfürchtig. "Ich habe sie noch nie gesehen, und doch wusste ich sogleich, wer sie ist."
Fletscher schenkte seinem Begleiter einen zweifelnden Blick. "Uns erwarten heute frischere Faszinationen."
Trommeln und Flöten setzten ein. Die Mädchen im Gewand der Apsaras pendelten behutsam mit den Hüften. Hände und Finger vollführten ein eigenes, graziles Spiel über der Gürtellinie. Die Khmer-Führer betraten die Empore und stießen mit ihren Gästen an. Der Narbige plauderte mit den Thais über die Kautschukverarbeitung in den Kampflagern der Hangregionen. Thirit ging von Mann zu Mann und ließ sich von Sen vorstellen. Als sie vor dem Kalifornier stand, tastete ihr Blick seinen Körper ab. Da sie ihre Pupillen nicht bewegte, beschrieb ihr Kopf seltsame Figuren. Der Braune hatte das Gefühl, von ferngesteuerten Linsen observiert zu werden. Unwillkürlich holte er tief Luft und straffte seine Glieder.
Ihre Augen hatten sich auf seine Nasenwurzel eingerichtet. Ihre vollen Lippen verzogen sich. "Ohairs Materialproben sind willkommen."
Der General, den Fletscher Siridom genannt hatte, winkte seinem Fahrer, der daraufhin das hintere Verdeck abrollte. Mit einem Ruck an der Plastikleine entblößte er einen Kistenstapel. Die Khmer verbeugten sich. Eine Tänzerin offerierte den Gästen ein Tablett mit sieben kleinen Gläsern, in denen eine bordeauxfarbene Flüssigkeit schwappte. Die Thais kannten offenbar den Modus. Erwartungsvoll griffen sie zu.
Fletscher hob grinsend sein Glas. "Schlucken Sie ihn bloß nicht runter."
Der Braune nippte, schmeckte und schluckte vorsichtig, bis er eine rauhe Murmel auf der Zunge spürte. Er spuckte aus und erblickte in seiner Hand einen geschliffenen Rubin. Gekicher lenkte ihn auf die Gruppe der Asiaten. Zwei Thais klopften einem Burmesen den Rücken, der offensichtlich sein Präsent verschluckt hatte und nun krampfhaft versuchte, es wieder hinaufzuwürgen.
Thirit verzog die Lippen zu einem spröden Lächeln. "They always come back."
"Shit!", fluchte der Burmese, nun wieder zu Luft gekommen.
Ein erneuter Lachanfall schüttelte die Gruppe.
Am unteren Rand der Rodung schichtete eine Händlerin apathisch ihr Ölgebäck um. Der Blick war in unbestimmte Ferne gerückt. Vor ihr unterhielten sich zwei Schatten.
Chadewas Kiefer mahlte. "Asta hat Cristopher erlöst."
Luan hob ihr Haupt. "Zu viele Opfer. Hoffentlich sind unsere zwei neuen Freunde widerstandsfähig."
"Sie treffen morgen in London ein." Chadewas Stimme hallte dunkel. "Asta legt die Spur."
Ein Seufzer durchdrang das graue Netz. "Das Höflichkeitsgeplänkel langweilt mich." Ihr Kopf wies über das Lager.
"Die Thais stellen ihre unverbrüchliche Treue zur Schau, dem internationalen Druck zum Trotz. Die Khmer bieten sogar Thirit auf, um ihre Unversehrtheit nach den Desertionen zu demonstrieren." Ihr Blick verschränkte sich mit dem ihrer Ahnin. "Du bist enttäuscht, weil er nicht dabei ist."
Die Gaze beulte sich um einen Hauch. "Bruder Nummer Eins ist vorsichtig. Er trifft sich nicht mit Ohairs Vasallen. Die Verhandlungen mit dem Gen-Kartell sind Thirits Sache. Weshalb erscheint Fletscher mit einem Magnaten?"
"Die Hunde pissen ihr Revier ab."
Luans Gaze zitterte. "Drogen, Waffen, Kredite."
"Für Holz und Juwelen. Und als Zugabe sieben Unberührte aus Battambang."
"Dann sind wir nicht umsonst gekommen." Sie griff unter ihren Umhang, reichte Chadewa drei Stäbchen und steckte selbst zwei in den Mund. "Geschenke für die Generäle. Ich nehme die Burmesen."
Sie verschmolzen ihre Aura. Fließend bewegten sie sich auf die Bühne zu. Ihre dünnen Stoffe leckten hinter ihnen her wie schwarze Flammen. Die Soldaten, die sich um Stümpfe und Holzstapel lagerten, um dem Tanz zuzusehen, nahmen Schemen wahr, die sie nicht als Eindringlinge empfanden. Im Nu hatten die beiden Schatten die Bühne erreicht und nahmen zwei Blumenschalen auf. Chadewa verband einen Faden ihres Stiefels mit dem Abzug eines armdicken Flammenwerfers. Luan zertrat den Sicherungskeil des Holzstapels. Im Bruchteil einer Sekunde standen sie hinter den Khmer, die der Bühne den Rücken zugewandt hatten, um ihren Gästen den optischen Genuss des Tanzes zu gönnen. Die Thais richteten den Blick auf die Schalen in Erwartung neuer Überraschungen, Fletscher und sein Begleiter versuchten die Gesichter im Schatten zu entdecken, die Burmesen waren von der Tanzdarbietung gefesselt.
Als Fletscher zu einer Frage anhob, öffnete Chadewa ihre Lippen. Aus den Stäbchen zwischen den Zähnen zischten zwei Nadeln. Sofort fuhr Thirit herum, die brennenden Augen auf die Schattenwesen gerichtet. Sie sah Luans Projektile blitzen und ging in die Knie. Chadewas dritte Nadel steckt im Ziel. Die Getroffenen schrieen auf, von Krämpfen geschüttelt. Sie kippten zur Seite auf die gefallenen Burmesen. Hudson war mit zwei Sätzen im Farn. Sen und der Narbige rollten sich im selben Moment zur Seite. Fletscher hielt eine Pistole in der Faust. Die Khmer kam hoch, die Oberschenkel gespannt wie Taue, die Hände um den Griff eines Messers geklammert. In einem Urschrei stieß sie die Klinge in Chadewas Mitte. Luan schlug die Schale auf den Stahl, Chadewas Fuß zuckte vor. Eine Feuergarbe ergoss sich über das Lager. Die gelbe Lohe grellte durch die Nacht. Die Stämme prasselten zu Boden. Soldaten sprangen auf. Zwei Jungen ballerten panisch ihre Uzzis ab. Die Wachen streuten Dauerfeuer ins Dickicht. Thirit tauchte ab und glitt unter die Empore. Fletscher stolperte zurück, seine Augen vor dem Feuerstrahl schützend. Die letzte Funkenpeitsche stieg zum Himmel. Die Khmer rasten zu den Fahrzeugen, als der Flammenwerfer seine Glut aushauchte. Hudson hastete zum Jeep, Fletscher sprang hinterher. In Sekundenschnelle war das Lager leer.
Zitternd vor Angst drückten sich die Tänzerinnen um den Stand. Zwei schattengleiche Gestalten nahmen sie in ihre Obhut, bis die Ruhe sie in den Schlaf sinken ließ.
 
DIE ENERGIEBRÜCKE

Sandringham, London; 10 a.m.

Die Tür knarrte. Durch den breiter werdenden Spalt zwängte sich ein kolossaler Typ, spähte in den dunklen Gang und klopfte an die Nachbartür. Als er keine Antwort erhielt, schlich er auf Zehenspitzen hinein und setzte sich in den Sessel. Von da beobachtete er den Schläfer.
"Psst, Bernd, es wird Zeit."
Bernd Wetter gähnte mit geschlossenen Augen. "Sag mir Bescheid, wenn es soweit ist." Er unterstrich seine Worte mit seltsamen Greifbewegungen. "Wann bist du angekommen?"
"Gestern Abend."
"So, hab gar nichts von dir gehört."
"Aber ich."
Bernd kniff erstaunt die Augen zusammen. "Du hast dich gehört? Wie aufmerksam."
"Quatsch, dich. Um drei in der Früh ... "
"Morgenstund hat Gold ... "
" ... Tür auf Tür zu, ich war kurz davor, dir zu erklären, weshalb unsere Zivilisation Türklinken hervorgebracht hat."
Bernd richtete sich auf und blinzelte. "Nun?"
Das Telefon klingelte.
Unwillig zwang Bernd die Lider auseinander, zielte und packte den Hörer.
"Hallo, Wetter." Er schüttelte den Kopf, verdeckte die Sprechmuschel und krächzte. "Es regnet in Deutschland."
"Interessant", sagte Gisbert und hörte weiter.
"Morgen Schatz. Ja. Bitte? Du, ich kann ... ja ... ich bin ... nein ... ich will ..."
Gisbert schnaufte aus dem Sessel. "Gibst du jetzt nen Sprachkurs?"
"Nein, wir haben alle Hände." Entrüstet knallte Bernd den Hörer auf die Gabel.
Gisbert beugte sich nach vorn. "War das ein Code?"
"Ich habe es aufgegeben, jeden Satz bis zum bitteren Ende." Bernd kippte ins Kissen zurück und maulte gegen die Decke. " Ist doch immer dasselbe. Man verbringt nen netten Abend, stellt großmütig ein Stück seines Körpers ..."
"Wie bitte?"
" ... und schon haben sie dich ausgeguckt für permanente Gemeinsamkeiten. Als litte ich Langeweile. "
"Was gibst du ihr auch deine Nummer?"
Bernd hustete. "Hab ich nicht. Sie kannte eine eigene. Ich sprach lediglich von London und diesem Hotel."
Gisbert verdrehte die Augen.
"Wenn du dein Okulartraining absolviert hast, können wir vielleicht frühstücken."
Als Bernd fünf Minuten später den hellen Frühstücksraum betrat, verhandelte Gisbert bereits die Teesorte. "Darjeeling, please."
"Kennst du die Abkürzung?"
"Wovon?"
"Schon gut, Darling." Bernd drückte sich in den Holzstuhl und schmirgelte mit den Fingernägeln über die Plastiktischdecke. "Allzu gediegen ist’s hier nicht."
"Enjoy your breakfast." Die Dame schaute gönnerhaft aus Kugelaugen und lud zwei Teller mit Spiegeleiern, Schinkenspeck und Würstchen vor Gisbert ab. "Later, my dear", bedeutete sie Bernd.
Bernd tippte auf ein Würstchen. "Weißt du, woraus sie bestehen?"
"Bestell selbst. Ich schmecke gerade erst an."
"Hätt ja sein können. Die Frage bewegt die Kontinentalen seit Jahren. Bisschen morbide, mmh? So tumb wie die Socke von vorgestern."
"Hab ich noch nicht probiert." Gisbert kaute ungerührt weiter. "Gleich mach ich ein Nickerchen im Garten, und dann sondieren wir das Terrain."
"Wieso Terrain? Ich denke, du hast den Standort des Labors recherchiert?"
"Hab ich." Gisbert grinste überlegen. "Der Trakt liegt hinter dem Stephen’s Hospital, Fulham Road. Da kommt deine Eiermatsche."
Die Hausdame stellte einen Teller Rühreier auf den Tisch und hielt einen Silberteller mit Briefumschlag vor Bernds Nase. "Mr. Wetter, we got a message for you."
"Thank you, Miss." Bernd öffnete das Couvert.
Gisbert imitierte ihn. "Abgelegenes Hotel, von wo aus wir in Ruhe operieren können." Seine Nase ruckte vor. "Jedenfalls nicht zu abgelegen für deine Korrespondenz." Er ließ Tee in seine Tasse gluckern.
Bernd las. "Ahach, schau an." Er reichte den Zettel herüber.
"Nice to meet you in the Swan, 8 p.m., Hammersmith." Buddha spülte den Gaumen mit Tee. "Du kennst Leute."
Bernd nickte eifrig. "Nette Kneipe. Pub sagt man hier. Wer kann das sein?"
"Wir müssen uns um Wayan kümmern." Gisbert war urplötzlich ernst.
"Zweifellos. Meinst du nicht, es gibt da einen Zusammenhang?"
"Ob da jemand existiert, der unsere Kreise stören will?"
Bernd gab sich gelassen. "Wem sollte das denn gelingen?"
Sein Freund atmete auf. "Well, also heute Entspannung, Spaziergänge und Pub."

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